„Ich weiß nicht, ob ich’s so gut finde, wenn Street Art verkauft wird“, sinniert eine junge Frau in der Münchner Zweiraumgalerie. Das Magazin „Der Spiegel“ proklamiert, das Geheimnis des bekanntesten Vertreters dieser Kunstform sei gelüftet – und verdächtigt ihn zugleich, sich „verkauft“ zu haben.

Kunstsammler Dirk G. Kronsbein (76) freut sich einfach. Mit seiner Tochter, Galeristin Sarah Kronsbein (36), die im Vorfeld ihrer neuen Ausstellung auf etwa 500 Quadratmetern unweit der Prachtmeile Maximilianstraße nicht mit Superlativen gegeizt hatte: von der ersten umfangreichen Präsentation im Land, von „Sensation“, „Ikonen“, ausgesuchten Originalen und Editionen sprach. Und nun überrascht ist, „dass soo großes Interesse besteht“.

Wo Meinungen, Einschätzungen und Gefühle derart auseinanderklaffen, kann es nur um Einen gehen: Banksy. Der Wert seiner von Eigentümern und Kommunen nicht autorisiert meist an Mauern, Zügen, Schildern und Denkmälern im öffentlichen Raum angebrachten Werke schnellt bei Auktionen ins schier Unermessliche, scheint in der Mitte der Gesellschaft aber noch nicht angekommen zu sein. Deshalb zeigt Sarah Kronsbein nach anderen Vertretern der immanent flüchtigen Kunstform Urban Art nun eine Einzelschau dieses berühmtesten öffentlichen Ärgernisses seit Erfindung der Stencil- oder Schablonen-Sprüh-Kunst.

Die Ausstellung mit etwa 40 Arbeiten des englischen Graffiti- und Aktionskünstlers, der seine Identität seit mehr als 20 Jahren erfolgreich vor der Öffentlichkeit verbirgt, ist sehenswert. Der Vater, aus Düsseldorf stammender Wahlmünchner, der sein Vermögen mit Hochleistungsfiltern machte, hat in den vergangenen Jahren eine beträchtliche Auswahl an Banksys bekanntesten Motiven zusammengetragen: das Mädchen mit dem Herz-Luftballon (2004), der Sensenmann mit Smiley-Gesicht (2005), die Keith-Haring-Hommage mit Hund (2010), das kapitalismuskritische „Festival Colour AP“, Queen Victoria in eindeutig lesbischer Pose, ein Affe mit „Laugh now. . .“-Banner. Dazu Selteneres, wie das romantische „Nola“, ein Mädchen mit Schirm, aus dem Farbe tropft. Das Gros des in „Banksy – King of Urban Art @ Munich“ Gezeigten sind limitierte, signierte, von der Agentur Pest Control zertifizierte Siebdrucke auf Papier.

Der berühmte „Flower Thrower“ wurde „als Auftragsarbeit für einen privaten Sammler“ auf Holz gesprayt. Der Elefant mit Huckepack-Rakete findet sich hier als Original auf Leinwand, eine doppelte Madonna mit Giftschöppchen auf Karton, und die Kuh am Fallschirm auf dem Vorfahrtsschild, das Banksy 2003 in seiner Londoner Ausstellung „Turf War“ gezeigt hatte.

Dass sich der Künstler auf seiner Webseite einmal mehr explizit von kommerziellen Galerien distanziert, stört Kronsbeins nicht. Sie zeigen selbst das Bild, in dem sich der Graffiti-King über Leute mokiert, die für Street Art bezahlen: „Morons“ von 2007. Auch ein Amsterdamer Galeristenpaar zeigt derzeit Banksy – zusammen mit Warhol im Privatmuseum; seine New-York-Aktionen von 2013 wurden jetzt in Buchform veröffentlicht; US-Fernsehmacher HBO schnitt jüngst eine Doku über ihn zusammen – da scheint der „Spiegel“-Titel „Tod eines Phantoms“ bizarr.

Banksy lebt. Sein Ruhm wächst weiter. Damit auch der Druck, den der Versuch, ihn zu enttarnen, unnötig erhöht. Doch die „Studie“, auf die sich diese These bezieht, ist bloß eine kriminologische Fingerübung. Computer, die mit Halbwahrheiten und Spekulationen gefüttert werden, spucken keine Fakten aus. Banksy bleibt unberechenbar. Er „prostituiert“ sich nicht.

Und das Foto zum Artikel – das schon seit Jahren im Internet kursiert – zeigt nicht den Mann, der mit witzig-pointierten politischen und gesellschaftlichen Kommentaren in aufwändiger Stencilgraffitoform Fans in aller Welt erfreut.

Dass die auch als Drucke hinter Glas existieren, findet Ausstellungsredner Christian Ude eine „wunderbare Sache“. Sarah Kronsbein erläutert, Banksy brauche das Geld aus den Verkäufen dieser Editionen, um weitere Projekte wie „Dismaland“ oder seinen Aufenthalt im Gaza-Streifen im vergangenen Jahr zu finanzieren. Seine Preise liegen dabei weit unter den durch Weiterverkauf via Auktion erzielten. Und der Begleiter der jungen Frau beruhigt: „Hier wird ja nichts verkauft.“

 

Promiauflauf in der Wurzerstraße

Vernissage Mit rund 350 geladenen Gästen, darunter Prominente wie Katerina Jacob, Max Tidof und Max von Thun sowie einer Rede von Ex-OB Christian Ude haben Kronsbeins am Donnerstag „Banksy – King of Street Art @ Munich“ in München, Wurzerstraße 12, eröffnet. Die dabei an Spenden eingegangenen 7150 Euro gehen an den benachbarten Boxclub „Sport Chance“, der Jugendliche in schwierigen Situationen unterstützt. Geöffnet ist die Schau bis 10. September, Di-Fr 11-18, Sa 11-15 Uhr.

Ein Interview mit Sarah Kronsbein: "Wir teilen seine Werte"

Sarah Kronsbein kam über die Pop Art zur Street Art. Die 36-jährige Galeristin hält Banksy für einen der genialsten zeitgenössischen Künstler.

Wie kauft man Kunst von einem Künstler, von dem die wenigsten wissen, wer er ist und wie er aussieht
SARAH KRONSBEIN: Die Werke sind von Galerien, Auktionen wie etwa Sotheby’s oder Bonhams, oder direkt von anderen Sammlern. Man hält die Augen offen und fragt auch mal Freunde ganz heiß, „würdest du dich hiervon trennen?“.

Mit ihrer Banksy-Ausstellung wollen Sie aber keine Bilder verkaufen?
KRONSBEIN: Es ist keine Verkaufsausstellung! Wir zeigen hier unsere Privatsammlung erstmals im Ganzen und wollen damit Urban Art auch Leuten näherbringen, die das bisher vielleicht ablehnten. Das Schöne ist, dass diese Kunst generationsübergreifend funktioniert. Mein Vater ist davon ebenso begeistert wie ich und mein 13-jähriger Sohn, der selbst auch sprayt.

Dennoch wurde ein Bild vorab verkauft: die „Paparazzi Rat“. Warum?
KRONSBEIN: Als Sammler gibt man manchmal das eine oder andere Werk ab, weil man zwei oder drei andere in Aussicht hat. Wir wollen mit unserer Sammlung Zeitreihen, historische Entwicklungen des Künstlers nachzeichnen. Schlüsselwerke wie „Girl with Balloon“ und „Napalm“ waren uns wichtiger, deshalb haben wir uns von der berühmten Ratte getrennt.

Haben Sie Banksy je getroffen?
KRONSBEIN: Nein nie. Aber auch wenn wir die Person nicht kennen, meinen wir, ihn zu kennen durch seine Werke. Wir teilen ja seine Werte, das Freigeistige etwa.

Wodurch hebt sich Banksy ab?
KRONSBEIN: Es geht bei Street Art um den Zeitpunkt, den Kontext, die Aussage, die Umsetzung, sodass das Motiv für jeden verständlich ist. Die Kombination all dieser Faktoren so perfekt umzusetzen, das ist es, was ihn einzigartig macht. Er kommt nicht moralisierend daher, sondern ist humorvoll und oft freundlich. Für uns ist er der genialste Urban-Art- und vielleicht der genialste lebende Künstler überhaupt.cli