Festival Münchener Biennale: Kosmische Weiten

Marek Poliks bespielt selbst seine Spacelab-Installation in der Villa Stuck.
Marek Poliks bespielt selbst seine Spacelab-Installation in der Villa Stuck. © Foto: Armin Smailovic/Münchener Biennale/dpa
München / Otto Paul Burkhardt 05.06.2018

Im Boot auf dem Starnberger See oder mitten in der City, im alternativen Zentrum „Einstein Kultur“ oder in privaten Wohnzimmern: Musiktheater geht überall. Und so liest sich auch der Spielplan der Münchener Biennale, die sich als „Festival für neues Musiktheater“ versteht. In Zeiten, da alle Welt über Datenklau debattiert, beschäftigt sich das Treffen mit dem Thema „Privatsache“.

Ganz klar, das Festival im Zweijahresrhythmus, das seit 2016 von Daniel Ott und Manos Tsangaris geleitet wird, hat sich komplett neu aufgestellt. Nicht mehr die Komposition allein steht im Mittelpunkt, sondern es agieren international besetzte Produktionsteams, die am Ende kollektive Gesamtkunstwerke aus Musik, Text, Tanz, Performance und Video präsentieren. Ott und Tsangaris haben die Biennale konsequent geöffnet: mehr Formenvielfalt, ungewohnte Spielorte. Oder: weg von der Autoren-Oper hin zur kollektiven Team-Performance. Nun ist das alles nicht vollkommen neu. Doch was im Sprechtheater schon seit Jahren diskutiert wird, muss im Musiktheater offenbar erst noch erprobt werden.

Wie bei „Big Brother“

Dabei fiel der Auftakt in der Muffathalle eher konventionell aus: „Wir aus Glas“ ist ein Musiktheaterstück für ein Kammerensemble aus Sängern, Musikern und Chor von Yasutaki Inamori und Gerhild Steinbuch. Das Publikum beobachtet 90 Minuten all das, was eigentlich „Privatsache“ ist, nämlich den Alltag zweier Paare vom Zähneputzen übers Essen bis hin zur Klo-Sitzung.

Irgendwie erinnert das im voyeuristischen Ansatz an das Container-TV-Format „Big Brother“ von anno 2000. Nur eben auf höherem Niveau. Denn wir sehen Lifestyle-Menschen, die sich von der sozialen Realität drumherum streng abschotten. „Gibt es das noch, das sogenannte Draußen?“ fragt die Mezzosopranistin beim Magerjoghurt-Löffeln. Klar, dass sich hinter der Fassade („Ich mag meine Haare“) Angst und Hass verbergen („Du bist zum Kotzen“). Schöngesang und giftig stichelnde Instrumental-Loops legen den Konflikt offen.

Zum selben Begriff „Das sogenannte Draußen“ hat die Autorin Sibylle Berg bereits 2013 ein ungleich schärferes Sprechtheater-Stück geliefert. Verglichen damit wirkt der Text von Gerhild Steinbuch, der auch ein Plädoyer für Teilhabe und Einmischung sein will, doch eher vorhersehbar. Dennoch, die Musik des Japaners Inamori (Jahrgang 1978), die in einem starken Klagegesang mit Anklängen an Telemanns Tafelmusik gipfelt, irrlichtert zwischen Ödnis, Belcanto und anekdotischem Witz. Die Publikumstribünen sind zudem fahrbar, bewegen sich hin und her, um auch entlegene Winkel der extrem breiten Bühne sichtbar zu machen. Ein durchwachsener Start, aber mit einem durchweg hervorragenden Ensemble.

„Interdictor“ wiederum, eine Installation im Museum Villa Stuck, gibt sich als 60-minütige Performance zu erkennen. Der Titel spielt auf die „Sternenzerstörer“ aus „Star Wars“ an, und in der Tat gleicht das Monstrum, das der US-Amerikaner Marek Poliks (Jahrgang 1989) da aus 640 bürstenlosen Elektromotoren zusammengebastelt hat, einem Raumschiff.

Poliks selbst bewohnt und verstöpselt dieses Spacelab, dem er mit rituellen Gesten geheimnisvolle Lichteffekte und bizarre Sounds entlockt. Doch dieses Raumschiff ähnelt auch einer urzeitlichen Behausung, einer Höhle, einem Zufluchtsort. Erst am Ende der Performance wagt sich der Komponist im schützenden Raumanzug und in Slow-Motion nach draußen – mitten rein ins verhalten applaudierende Publikum.

Viel Theater, wenig Musik, so könnte die erste Zwischenbilanz der Biennale 2018 lauten. Auf jeden Fall sorgt sie für Debatten. So auch mit der winzigen „Tonhalle“, einer kleinen Holzhütte, die mitten auf dem Max-Joseph-Platz steht und vom Schweizer Querkopf Ruedi Häusermann bespielt wird. Direkt vor der großen Staatsoper wirkt diese Mini-„Tonhalle“ für rund 20 Personen wie eine „musik-theatralische Selbstbehauptung“.

Von Henze zu Ott und Tsangaris

Münchener Biennale 2016 übernahmen Daniel Ott und Manos Tsangaris die Leitung der Münchener Biennale. Wie der Festivalgründer Hans Werner Henze (ab 1988) und dessen Nachfolger Peter Ruzicka (ab 1996) sind auch Ott und Tsangaris als Komponisten unterwegs. Sie verstehen sich als Wegbereiter neuer Formen des Musiktheaters. Daniel Ott, ein Berliner aus der Schweiz, hat ganze Areale wie den Basler Rheinhafen oder die Stuttgarter Paulinenbrücke zum Klingen gebracht. Und Manos Tsangaris, ein griechischer Rheinländer, hat mit Stationentheater und wanderndem Publikum in Donaueschingen auf sich aufmerksam gemacht. Bis 12. Juni läuft die aktuelle Biennale noch. Insgesamt 15 Uraufführungen stehen auf dem Spielplan. op

Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel