Attenweiler Mozart und das Paradies

Attenweiler / JÜRGEN KANOLD 29.08.2014
Flüchtlinge aus Syrien singen in Mozarts "Cosí fan tutte" ein Lied aus ihrer Heimat über die Sehnsucht nach dem Paradies. In Oberschwaben ist ein außergewöhnliches Opern-Projekt entstanden.

"Wir schütteln uns, der Kopf ist locker . . ." Bariton Franz Xaver Schlecht wärmt mit einigen Übungen den kleinen Chor auf. Frauen, Männer und Kinder fassen sich an den Händen, singen sich ein für die Probe von "Cosí fan tutte". Dann stimmen sie auch ein syrisches Volkslied an: "Janna". Ein Lied über das Paradies, über die Sehnsucht nach der Heimat.

Der Kopf soll locker bleiben? Das ist leicht gesagt. Wer da singt in einem Freizeitraum des ehemaligen Franziskanerinnenklosters Oggelsbeuren, das sind Bürgerkriegsflüchtlinge aus Syrien. Gemeinsam mit professionellen Künstlern erarbeiten sie ein integratives Opernprojekt, mit dem sie in Stuttgart, Ulm und andernorts auftreten werden.

Eine besondere deutsche Willkommenskultur mit Mozart. "Cosí fan tutte" mit Asylanten, europäische Klassik mit vertriebenen Arabern - nein, so machens wirklich nicht alle. Um das alles zu begreifen, muss man Oggelsbeuren zunächst mal mit dem Auto finden. Morgennebel in der grünen, satten, stillen Landschaft. Friedvolles Oberschwaben. Wer dort aber derzeit wohnt, hinter dem liegt ein ganz anderer, ein leidvoller, strapaziöser, unheiliger Weg. Ahmad al Osman zum Beispiel lebte in Homs. Der 42-Jährige ist Informatiker, er saß in einem Gefängnis des Assad-Regimes, floh in den Libanon, war lange getrennt von seiner Familie.

Dann kamen sie nach Deutschland. Seit Mai haben sie mit anderen syrischen Familien, zusammen fast 75 Flüchtlinge, in dem Ortsteil von Attenweiler (Landkreis Biberach) eine Unterkunft gefunden, herzlich aufgenommen von der Stiftung "Heimat geben": ein Idyll in maximaler Entfernung zum zerstörten Syrien. "Thank you, Deutschland", dankt der fröhlich glatzköpfige Ahmad al Osman auf Englisch: "Wir suchen den Frieden und ein besseres Leben für unsere Kinder, deshalb sind wir gekommen."

Mozart? Dessen Musik kannte er in Syrien nicht, aber er findet sie magisch. "Die Oper ist geradezu ein Mediator, ein Vermittler zwischen den Kulturen", sagt Cornelia Lanz. Die Stuttgarter Mezzosopranistin hatte die Idee zu diesem Projekt. Sie wollte mit Freunden "Cosí fan tutte" auf die Bühne bringen, jene wunderbare Oper Mozarts, in der die Treue der Frauen auf den Prüfstand gestellt wird und Don Alfonso mit einer zynischen Wette beweisen will, dass es in der Liebe keine Garantien gibt. Halb ist das Komödie, halb Tragödie. Und ein Stück über große Gefühle und Schicksalsnot.

Regisseur Bernd Schmitt wiederum entwickelte das Konzept, die Oper "ohne altmodische moralische Entrüstung über Frauenzimmer" zu inszenieren, also in der Gegenwart anzusiedeln: in einem Asylantenwohnheim. Wenn Guglielmo und Ferrando unter Trommelwirbel librettogemäß in den Krieg ziehen, um verkleidet, mit falschen Bärten zurückzukehren, um ihre eigenen Verlobten Fiordiligi und Dorabella (von Cornelia Lanz selbst gesungen) zu verführen, sieht das nun so aus: Die Männer erscheinen im Dress der Aufseher und locken die Flüchtlingsfrauen mit einem deutschen Pass.

Schmitt hatte diese Geschichte zunächst im russischen Milieu erzählen wollen. Aber als die Operntruppe einen günstigen Probenort suchte und Pater Tönnies in Oggelsbeuren nicht nur einen solchen anbieten konnte, sondern berichtete, dass dort syrische Bürgerkriegsflüchtlinge unterkommen werden, änderte sich die Szenerie. Cornelia Lanz lud die Syrer ein, mitzumachen.

Das Projekt gewann eine andere Dimension. Mit ihrem Verein "Zuflucht Kultur" ist es der Sängerin und ihren vielen Helfern und Sponsoren gelungen, ein Zeichen freundschaftlicher Begegnung und der Integration zu setzen.

Die Syrer marschieren jetzt nicht einfach als Komparsen durch die Oper. In Oggelsbeuren lebten Künstler und Flüchtlinge vier Wochen lang zusammen: tägliches Singen, Tanzen, gemeinsames Essen, Gespräche; sie arbeiteten mit am Bühnenbild. Selbstredend, dass fremde Kulturen aufeinander stoßen: Lachend erzählt Cornelia Lanz, dass zur ersten Probe niemand erschienen war, weil die Männer im Internet "Cosí fan tutte" geklickt hatten und ein Erotik-Video fanden. Nein, es gehe um Oper, um wahre Liebe, hatte sie aufklären müssen.

Die Syrer haben in dieser Oper, die von Schicksal, Flucht und Heimat handelt, auch eine eigene Stimme bekommen, jenes Lied über das Paradies. "Janna", beginnt Ahmad al Osman bei der Hauptprobe in der Festhalle Aßmannshardt - und auf der Bühne singt der Chor seiner Landsleute. Die Musiker applaudieren. Ahmad erklärt den Deutschen, um was es wirklich geht: "Stop war!"

Auf Tour mit "Cosí fan tutte"

Die Aufführungen In der Festhalle Aßmannshardt (Landkreis Biberach) findet heute, Freitag, 19.30 Uhr, die Vorpremiere von Mozarts Oper "Cosí fan tutte" mit syrischen Bürgerkriegsflüchtlingen statt. Garrett Keast dirigiert das Kurpfälzische Kammerorchester Mannheim und Mitglieder der Stuttgarter Symphoniker. Premiere feiert diese von Bernd Schmitt inszenierte und von der Landesstiftung Baden-Württemberg geförderte Produktion dann am Sonntag, 5. Oktober, im Stuttgarter Theaterhaus. Die weiteren Aufführungen: 31. Oktober in der Stadthalle Biberach; 2. November Münchner Gasteig; 4. November Theater Rüsselsheim; 27. Dezember Stadthalle Balingen; 28. Dezember Roxy Ulm. Im Februar ist ein Gastspiel im Radialsystem Berlin geplant. Informationen über das Projekt gibt es auch im Internet unter www.zufluchtkultur.de

SWP

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