Musiktheater Mozart in Afrika am Grab

Lebensbejahender Totentanz auf dem Gräberfeld: „Requiem pour L.“
Lebensbejahender Totentanz auf dem Gräberfeld: „Requiem pour L.“ © Foto: Chris van der Burght
Ludwigsburg / Jürgen Kanold 26.06.2018

Eine Frau stirbt. Das passiert auf der Bühne oft, in Tragödien, Operndramen, im Tanztheater. Aber das ist jetzt kein Spiel. Diese auf ein Kissen gebettete Frau, die von ihren Angehörigen zärtlich gestreichelt wird, die ihre Augen aufmacht und wieder erschöpft schließt – sie stirbt wirklich, ein Plüschtier im Arm: auf einer Großleinwand, 100 Minuten lang. Der Zuschauer wird dieses Gesicht nicht mehr vergessen. Skandalöser Voyeurismus? Der Tod ist der Skandal des Lebens.

Der Choreograf und Regisseur Alain Platel hat diese Frau persönlich gut gekannt. Sie hat ihm erlaubt, ihr Sterben zu filmen: Das Video ist auch ein Vermächtnis. „Requiem pour L.“ heißt das aktuelle Stück des Belgiers, der mit seiner Compagnie Les ballets C de la B seit vielen Jahren die Grenzen des Tanz-, ja des Musiktheaters auslotet, sprengt – und der vor keinem Tabu zurückschreckt. Auch die Bilder von „L.“: natürlich eine Zumutung.

Fest des Lebens

Aber Platel zeigt dazu ein Fest des Lebens, und zwar auf einem Gräberfeld, das an Peter Eisenmans Berliner Holocaust-Mahnmal erinnert. Dort feiern 14 Musiker und Sänger, schwarz-bunt gekleidet und in schweren Stiefeln, so etwas wie den „Día de los Muertos“ an Allerheiligen, den fröhlichen Tag der Mexikaner mit ihren Toten auf dem Friedhof. Nur dass die großartigen Akteure hauptsächlich aus Afrika stammen und eine Welttrauermusik aus Mozart, lateinischem Missale und rituellen Gesängen aus Sprachen wie Lingala und Suaheli anstimmen – und dazu aus ihren Körpern den Schmerz schütteln. Oder gegen die Endgültigkeit des Todes zucken. Es ist Disco und Voodoo.

Aber was ist das überhaupt, was im Ludwigsburger Forum tiefe Betroffenheit wie euphorischen Jubel ausgelöst hat? Kein Tanz und kein Theater, vielleicht ein Oratorium. Oder eben eine ganz andere Oper ohne Libretto und Handlung. Kein Wunder, dass auch Viktor Schoner, der künftige Intendant der Staatsoper Stuttgart, „Requiem pour L.“ im November in seinem Haus als Gastspiel zeigt. Zu den vielen Partnern von Les balletts C de la B in ganz Europa gehören neben den Co-Produzenten Berliner Festspiele und Festival de Marseille aber die Schlossfestspiele Ludwigsburg, deren Intendant Thomas Wördehoff mit viel Gespür Platel schon seit Jahren einlädt. Unvergessen 2012 schon einmal ein Tanzabend mit schockierenden Momentaufnahmen des Leids, des menschlichen Martyriums: Mit dem „Dies irae“ aus Verdis „Messa da Requiem“ fing in „C(h)œurs“ alles an.

Diesmal ist Mozart der zentrale Komponist, und die Musik das Theater. Besser gesagt: Fabrizio Cassol hat ein eigenes Werk komponiert, ein „imaginäres Destillat“, eine hoch emotionale Musik, gespeist aus Mozarts legendenumwobenem, unvollendetem Requiem, seiner c-Moll-Messe und traditioneller bis jazziger afrikanischer Musik. Rodriguez Vangama steuert vom E-Bass aus eine Art spirituelle Jam-Session an Gräbern, aus der immer wieder Mozart-Melodien und lateinische Wendungen herausfließen und den Ablauf grundieren. Das Akkordeon gibt den Atem vor, holt auch tonlos Luft und verhaucht. Das Euphonium ruft und vertreibt die Geister. Und großartig mischen sich Opernsänger und Akteure mit traditionellem Gesang: so erhaben wie aggressiv.

„Miserere nobis“: Sie spielen und singen gegen den Tod, aber sie trösten auch. Und protestieren. Klein sind sie, diese Menschen, gegen das übermächtige Video der sterbenden L. Aber am Ende stampfen sie zornig, machtvoll mit den Füßen auf den Gräbern. Dann herrscht laute Stille.

Gastspiele in der Staatsoper Stuttgart

Aufführungen Auch die „prägenden Erfahrungen“ am Sterbebett Gerard Mortiers waren für Alain Platel ein Grund, „Requiem pour L.“ auf die Bühne zu bringen. Viktor Schoner, der künftige Intendant der Staatsoper Stuttgart, bezeichnet Mortier, der nicht zuletzt Chef der Salzburger Festspiele war, ebenfalls als seinen Mentor. Und so hat Schoner diese Produktion als Gastspiel eingeladen: „Requiem pour L.“ ist im Stuttgarter Opernhaus am 31. Oktober sowie am 1., 2. und 4. November zu erleben.

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