Da macht Neil Armstrong diesen kleinen Schritt für einen Menschen, der ein großer Sprung für die Menschheit ist, und kurz darauf weht die amerikanische Fahne auf dem Mond. So war das am 20. Juli 1969. Aber Damien Chazelle setzt in seinem Film „First Man“ diesen patriotischen Akt nicht in Szene – er konzentriert sich auf das persönliche Drama Armstrongs. Was oft  als Sternstunde der Menschheit bezeichnet wird, ist in dem Film vielmehr der emotionalste Augenblick eines einzelnen Menschen.

Chazelle zeigt den „Aufbruch zum Mond“, wie der Film in Deutschland heißt, nicht als amerikanische Heldengeschichte, sondern als geradezu intimes Drama, fein gespielt von Ryan Gosling und Claire Foy als Ehepaar Armstrong. Der Regisseur macht die Leistung der Ingenieure und der Astronauten im Apollo-­Programm zwar durch seine intensive Inszenierung nicht nur sicht-, sondern geradezu spürbar; Neil Armstrong war ein famoser Pilot mit technischem Wissen. Aber es geht Chazelle im Kern um das Familiendrama der Armstrongs, deren Tochter mit drei Jahren an einem Hirntumor gestorben war.

Die Heldenreise ist eben oft auch eine Reise ins Innere. Im Fall des ersten Menschen auf dem Mond hatten viele amerikanische Kinogänger aber wohl mehr Pathos und Patriotismus erwartet. War Chazelles Musical „La La Land“ vor zwei Jahren noch ein Kassenknüller und sechsfacher Oscar-­Gewinner, lief „First Man“ eher enttäuschend in den Lichtspielhäusern.

Der Film ist dennoch ein sehenswerter, ja oft famoser Streifen zum 50-Jahre-Jubiläum. Der Mond fasziniert Regisseure freilich schon viel länger, nicht nur als stimmungsvoller Bildhintergrund für Liebesszenen oder auf dem Fahrrad fliegende Kinder wie in „E.T.“.

Dabei markiert die Mondlandung von 1969 einen Bruch. Denn seitdem erzählen Filmemacher die Geschichten ums Mondprogramm entweder als Dokumentation, als historischen Stoff oder als Spannungskino: Es geht meist um Wissenschaft und Thrill. Davor aber waren die Mondabenteuer zwangsläufig eins: Science Fiction. Und dabei war der Trabant, zu dem die Menschen seit Jahrtausenden aufschauen, etwas Fremdes und Geheimnisvolles, oft auch Mythisches und sogar Romantisiertes.

Tatsächlich wurde eine erste „Reise zum Mond“ bereits im Jahr 1902 auf Zelluloid gebannt. Der französische Film-Pionier Georges Méliès hatte aus Jules Vernes berühmter Zukunftsgeschichte einen fantasievollen Viertelstünder gemacht. Die Zeitgenossen kamen aus dem Staunen nicht mehr heraus: über die Raketenkanone, über das Mondgesicht (dem die Rakete ins Auge geht), aber auch über Riesenpilze auf dem Mond und die dort lebenden Seleniten.

Den aufwendigsten Stummfilm zum Thema drehte der deutsche Meisterregisseur Fritz Lang 1929, zwei Jahre nach „Metropolis“: den etwas langatmigen „Die Frau im Mond“. Darin dient die Expedition ins All vor allem kommerziellen Interessen, und tatsächlich finden die Weltraumreisenden auf dem Mond – mit einer Wünschelrute – sogar Gold.

Noch unglaublicher ging es in einem Film von 1943 zu: Da reiste Baron Münchhausen in Gestalt Hans Albers’ mit einem Heißluftballon auf das Nachtgestirn. Dort traf er dann den Mondmann, dessen Frau und Pflanzenmenschen, die ihren Kopf vom Körper lösen können. Das Drehbuch zu dem 6,6 Millionen Reichsmark teuren Prestigefilm des NS-Regimes hatte übrigens Erich Kästner geschrieben – unter Pseudonym und mit einer Sondergenehmigung von Joseph Goebbels, da er mit Berufsverbot belegt war.

Das Wettrennen zum Mond begann nach dem Zweiten Weltkrieg filmisch mit „Destination Moon“ („Endstation Mond“) von 1950. Auf einem Roman des reaktionären amerikanischen Science-Fiction-Autors Robert A. Heinlein basierend, trägt der Streifen deutlich propagandistische, imperialistische Züge – wer den Mond als Erster erreicht, hat auch auf der Erde eine Vormachtstellung. „Destination Moon“ sieht mit seinem simplen Effekten und gemalten Bildhintergründen heute allerdings ziemlich alt aus, aber er nahm die Realität vorweg: 1955 begann tatsächlich der kaltkriegerische Wettlauf ins All zwischen den USA und den Russen, der die Amerikaner nach vielen Rückschlägen dann eben 1969 mit Armstrongs und Aldrins geglückter Mondlandung jubeln sah.

Nur ein halbes Jahr nach diesem Triumph kam mit John Sturges’ „Verschollen im Weltraum“ (mit Gregory Peck) ein Film heraus, der eine missglückte Mond-Mission und die Rettung schilderte. Und damit nahm er just das vorweg, was sich wiederum ein halbes Jahr später real abspielte: Die Mond-Mission von Apollo 13 musste  nach der Explosion eines Tanks während des Fluges abgebrochen werden. Die dramatische Rettung der Astronauten wurde später, klar, auch Kino-Stoff: von Ron Howards „Apollo 13“ (1995) mit Tom Hanks.

Auf dem Mond selbst spielt eine längere Sequenz in Stanley Kubricks legendärem  Epos „2001: Odyssee im Weltraum“ (1969) – dort steht in einem Krater ein geheimnisvoller, hochmagnetischer außerirdischer Monolith. Was passiert  oder passieren könnte, wenn man sich zu lange auf dem Mond herumtreibt, zeigt Duncan Jones’ faszinierender Kino-Erstling „Moon“ (2009). Sam Rockwell muss sich mit sich selbst herumschlagen – in Gestalt mehrerer Klone. Noch viel üblere Bewohner hat der Trabant allerdings im finnischdeutschen Trash-Film „Iron Sky“ (2012): Mond-Nazis, darunter Udo Kier, die seit 1945 dort in einer hakenkreuzförmigen Station leben und nun die Erde attackieren.

Entzückend sind hingegen die britischen Knetfiguren Wallace und Gromit. Die reisen in „A Grand Day Out“ (1989) auf den Mond: Wallace ist der geliebte Cheddar Cheese ausgegangen, und da jeder weiß, dass der Mond aus Käse besteht, fliegt er mit seinem Hund dorthin. Die amerikanische Flagge hissen sie natürlich nicht – schon weil sie Engländer sind. Aber auch den Union Jack schwenken sie nicht. Denn sie haben Besseres zu tun: Sie machen Picknick auf dem Mond. Was ebenso eine Heldentat ist.

Von La La Land zu Luna


Schon der erste Kinofilm von Damien Chazelle, das Musikerdrama „Whiplash“ (2014), holte drei Oscars, und sein sensationelles Musical „La La Land“ (2016) gewann derer dann gleich sechs; Chazelle selbst wurde als bester Regisseur ausgezeichnet, mit gerade mal 32 Jahren. Kein Wunder, dass auch sein neuer Film „First Man“ über Neil Armstrong und die Mondlandung von 1969 sogleich als Oscar-Kandidat gehandelt wurde. Doch trotz sehr guter Kritiken gilt der Film seit seinem US-Kinostart nicht als absoluter Oscar-Favorit. Ein paar Nominierungen – vielleicht für Claire Foy als Nebendarstellerin und Justin Hurwitz’ wirkungsvolle Musik – sind aber gut möglich.