20 Jahre Harry Potter Mit Rufus Beck nochmal „back to Hogwarts“

München / Claudia Reicherter 04.09.2018

Schnatz!“, klingt es aus 550 Kehlen im Publikum. Erst dann liest der Mann auf der Bühne weiter. Der Herr im weißen Hemd zur karierten Tweed-Weste, der da ganz allein hinter einem Laptop vor vier farbigen Fahnen im Scheinwerferlicht auf einem Barhocker sitzt, ist schließlich nicht irgendwer. Das ist Rufus Beck. Und bei einer Harry-Potter-Lesung mit dem heute 61-jährigen Hörbuchsprecher ist es nichts mit Einfach-­so-dasitzen-und-zuhör­en. Da heißt es: mitmachen! Zum Beispiel, indem man beim live mit vollem Stimm- und Körpereinsatz von Beck intonierten Quidditch-Spiel an den vorgesehenen Stellen, also etwa alle zwei Minuten, lauthals „Schnatz!“ ruft.

Damit nicht genug. Einmal ergänzt der aus München stammende Schauspieler mit dem silbergrauen Haar das artig vielkehlig und leidenschaftlich gerufene „Schnatz!“ in der ausverkauften Münchner Reithalle noch durch ein „-es“. „Genitiv, kleiner Test“, schiebt er schelmisch hinterher. Deklinieren, sprich mitdenken, soll man also auch noch.

Nicht irgendeine Lesung

Na klar, das ist schließlich nicht irgendeine Harry-Potter-Lesung, sondern eine von nur dreien anlässlich der Feier von „20 Jahre Harry Potter in Deutschland“.

Rufus Beck, der vor 18 Jahren zusammen mit der britischen Schriftstellerin Joanne K. Rowling höchst erfolgreich durch deutsche Theater getourt war, ist seit mehr als zehn Jahren nicht mehr mit seinen Gefährten aus der Hexerei- und Zauber-Schule Hogwarts unterwegs. Zu seinem Bedauern, wie der Synchronsprecher, Schauspieler, Regisseur und Musiker betont, der manchen noch von seiner Rolle als schwuler WG-Bewohner in der Ralph-König-Comic-Verfilmung „Der bewegte Mann“ in Erinnerung ist und anderen durch Theaterrollen am Berliner Ensemble, dem Bayerischen Staatsschauspiel, dem Schauspielhaus Stuttgart oder in den 80er Jahren am LTT Tübingen. Aufgrund von Plänen für ein Musical oder Theaterstück habe er die Rechte für seine „Harry-Potter-Show“ nicht mehr bekommen.

Dabei hat er die zu Beginn der Potter-Manie auch schon mal zweisprachig mit verteilten Rollen mit „Jo“, wie er die Star-Autorin nennt, durchgezogen. Sie las Harry und Tante Petunia. Er den Rest: Onkel Vernon mit nasal gepresster Stimme, Papa Weasley auf Hessisch, und Hagrid, den er vom Akzent her „in Hamburg zwischen Reeperbahn und Schanze verortet“, wie am Sonntag in München vor der Pause mit ganz tiefer Stimme. Da sei Rowling anfangs „echt erschrocken“.

Danach erklärt er den Fans, die grob geschätzt vom Leseanfänger bis zu dessen Uroma reichen, er möge zwar alle Charaktere, besonders die aus Band eins dieser „grandios gelungenen Serie“, aber Hagrid sei schon sein Liebling: „Er fährt Motorrad wie ich und hat so ein Kinderherz.“

Für jeden der von ihm stimmlich verkörperten Charaktere gebe es reale Vorbilder, erzählt der 61-Jährige. „Sogar für Dobby. Das ist ganz schön schwierig, mit dem in Urlaub zu fahren . . .“ Kreiert habe er sie beim Vorlesen für seine Kinder – mit seinem heute 27-jährigen Sohn Jonathan probt er aktuell in Berlin für das Stück „Willkommen bei den Hartmanns“.

Weil dies also solch ein besonderer Abend ist, an dem nach einem ebenfalls ausverkauften Termin in Hamburg und einem in Berlin der Carlsen-Verlag und der Hörbuch-Verlag Audible zum Abschluss in der bayerischen Landeshauptstadt die Erst- ebenso wie eine Neuauflage der Potter-Bücher feiern, begrüßt Verlegerin Renate Herre die Zuschauer mit „Magie endet nie – back to Hogwarts – herzlich willkommen!“ Die Fans sind, zum Teil mit schwarzen Umhängen und Gryffindor-Schals ausgestattet, bis aus Freiburg angereist. In der Halle stoßen sie auf Pappaufsteller von Harry, Hermine und Ron fürs Selfie und Posteulen, die unter der als Sternenzelt angestrahlten Decke über ihren Köpfen schweben.

Unter den Augen von Hedwig

Jeder Besucher erhält am Eingang einen goldenen Umschlag mit einer Hörbuch-CD von Rowlings „Phantastische Tierwelten“, drei Buchzeichen und einem „Zertifikat für angehende Hexen und Zauberer“. Dazu verkaufen als sprechende Hüte verkleidete junge Frauen unter den wachsamen Augen von Harrys Plüsch-Hedwig Potter-Bücher in allen Ausführungen sowie eben jene CDs, mit denen Rufus Beck vor 18 Jahren einen ganz neuen Standard für Hörbücher und Live-Lesungen setzte – so wie das „Jo“ mit ihren Romanen für die Kinder- und Jugendliteratur getan hat.

Rufus Beck meint lachend, nach der gemeinsamen Tour habe ihn diese „sehr zurückhaltende, leise, sensible und typisch englische, intellektuelle Dame“ wohl für einen „Voll-Honk von Kraut“ gehalten. Und ihm deshalb die  Figur des Zaubereiministers Rufus Scrimgeour gewidmet? Dazu schweigt der Gentleman im weißen Hemd mit karierter Tweed-Weste.

Neues zum Lesen und Hören

Zu „20 Years of Magic“ legt der Carlsen-Verlag die sieben Harry-Potter-Bände neu auf, edel gestaltet vom italienischen Illustrator Iacopo Bruno. Dazu gibt es alle Bände als Taschenbücher. „Der Stein der Weisen“, „Die Kammer des Schreckens“ und „Der Gefangene von Askaban“ sind als vierfarbig von Jim Kay („Sieben Minuten nach Mitternacht“) illustrierte Schmuckausgaben erschienen. Neu ist auch der Jubiläums-Prachtband „Harry Potter – eine Geschichte voller Magie“. Audible gibt Rowlings „Quidditch im Wandel der Zeiten“ auf Deutsch heraus – mit Bonusmaterial.

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