Ausstellung Mert Akbals Träume im Kunstverein Ulm

Der Künstler Mert Akbal, umgeben von seinen Traum-Tieren.
Der Künstler Mert Akbal, umgeben von seinen Traum-Tieren. © Foto: Lars Schwerdtfeger
Ulm / Lena Grundhuber 23.01.2018
Die Schau „Curious Dreams“ enthält Zeichnungen, Installationen, Animationen – und ein Traumtagebuch.

Da liegen sie, Mert Akbal hat seine Träume offen vor uns ausgebreitet. Auf einem Tisch im Schuhhaussaal verstreut sich wenige Tage vor der Vernissage ein Konvolut noch ungeordneter Zeichnungen mit Fröschen im Kochtopf, einer verschwommenen Staubwolke namens Jupiter, einem Heißluftballon von der Anmutung einer Qualle. Da sieht man die klassische Albtraum-Angst vor dem Elfmeter und eine archaische Nofretete am Strand, neben dunklen Traum-Chiffren erzählen regelrechte Comics kleine Geschichten wie die von den Riesen, welche Menschen auf Schlitten vor dem Winter retten...

Tiere besiedeln die Bilder

Das also ist der kunterbunte Bilderbogen, den ein Bewusstsein ausspuckt, wenn es mit sich allein ist in der Nacht. Darunter natürlich auch all das, was wir bereitwillig wieder vergessen – Mert Akbal hat es seit Jahren aufgezeichnet. Und zwar richtig gezeichnet, sein Traumtagebuch zeugt davon. „Die Wissenschaft sagt, dass wir fast die ganze Nacht träumen“, erklärt der Künstler, der seit Samstag im Kunstverein seine „Curious Dreams“ ausstellt. 1980 in Istanbul geboren, lebt er in Saarbrücken und Berlin und träumt auf drei Sprachen, das kann man den Einträgen ablesen, die auch eine Art Training darstellen, denn mit der Aufzeichnung verbessere sich die Erinnerung, sagt Akbal.

Aus dem Traum-Material gewinnt er nicht nur Zeichnungen, sondern auch Installationen, Animationen und Skulptürchen. Auch seine Tier-Bilder sind solche Produkte. Tiger, Gorilla, Schildkröte und Elefant besiedeln jeweils isoliert ihre Bildräume. Daran wird und darf man auch seine unschuldige Freude haben – doch der Zusammenhang zu den Träumen, überhaupt der Zusammenhang der Ausstellung, wird nur dann klar, wenn man im Detail um Akbals theoretische Überlegungen weiß: Der Mann schreibt an einer Doktorarbeit zur „Künstlerischen Reproduktion von oneirischen Träumen“.

Seine ziemlich waghalsig anmutende Kernthese: Anders als andere Lebewesen habe der Mensch nur ein Organ, um Bilder wahrzunehmen, aber keines, um welche zu produzieren, so wie ein Tintenfisch zum Beispiel seine Farbe ändern kann. „Wir produzieren Bilder im Traum“, sagt der Künstler. Bilder, die wir in Kunst verwandeln, die dann ein Ersatz für das fehlende Organ wäre: eine Prothese. Weil sich aber diese Prothese vor das Traumbild schiebt und damit die Erinnerung daran auszulöschen droht, zeichnet Mert Akbal seit einiger Zeit erst einmal Bilder aus feinen Punkten, um die Flüchtigkeit des nächtlichen Eindrucks einzufangen.

Kognitionswissenschaft, Erkenntnistheorie, Biografie und Kunst also sind in Mert Akbals Gedankenwelt eng miteiander verwoben. Doch beim Zweitbesuch ein paar Tage später, ohne die Erläuterungen des Künstlers, alleingelassen in der jetzt fertig gehängten Ausstellung, befällt die Rezensentin dann doch dieselbe Hilflosigkeit wie manchen Besucher.

Denn allein aus den vorhandenen Zeichnungen und Objekten will sich leider kein stringenter Eindruck ergeben, erschließt sich beispielsweise die Bedeutung der Animationen nicht. Und so ist es vielleicht eben doch der wissenschaftlichen Ebene dieser Arbeit geschuldet, dass sie sich kaum verständlich machen kann ohne diese ganz andere Prothese der menschlichen Kommunikation – den Text.

Gespräch mit Wissenschaftlerin

Die Ausstellung „Curious Dreams“ von Mert Akbal ist noch bis zum 11.
Februar im Schuhhaussaal des Kunstvereins Ulm zu sehen. Am 7. Februar,
19 Uhr, gibt es dazu ein Gespräch mit Ausstellungsleiterin Katharina Ritter und Prof. Dr. Anke Huckauf, Leitung der Abteilung Allgemeine Psychologie der Universität Ulm.

Die Öffnungszeiten Die Schau ist
jeweils Mi-Fr 14 bis 18 Uhr, und Sa/So 11-17 Uhr zu sehen.