Ausstellung Meistersinger der Propaganda

Nürnberg / Jürgen Kanold 16.08.2018

Die Sonne brennt heiß auf die moosbewachsenen Tribünen herunter. Eine steinerne Ruine, wie eine Hollywood-Kulisse.  „Nie wieder Krieg“  steht auf einer Wand – das riesige Hakenkreuz sprengte die US-Army 1945. Das Zeppelinfeld am Nürnberger Dutzendteich war einmal das Reichsparteitagsgelände der Nationalsozialisten, heute dient es als Rennstrecke oder Open-Air-Bühne, auf der schon AC/DC rockten.

Touristen ziehen lässig mit Pom­mes-Tüten über das Riesenareal, auf dem die unheilvolle deutsche Geschichte aber so greifbar ist wie an kaum einem anderen Ort. Ein imaginäres „Sieg heil!“-Geschrei  scheint übers Zeppelinfeld zu wehen. Leni Riefenstahls Propaganda-Film „Triumph des Willens“ hat diese menschenverachtenden NS-Inszenierungen verklärt: Flakscheinwerfer bündeln sich im Nachthimmel zum Lichtdom. Darunter marschieren nach exakter Choreografie, in vollkommener Symmetrie die Massen: große Oper!

Zynisch-leichtsinniger, aber auch treffender lässt sich das nicht beschreiben: Denn Hitler hat solches Überwältigungs-Spektakel tatsächlich in der Oper gelernt. Das zeigt jetzt das Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände in der Sonderausstellung „Hitler. Macht. Oper“, kon­zipiert vom Forschungsinstitut für Musiktheater der Uni Bayreuth. In der unvollendeten,  gigantomanischen NS-Kongresshalle stehen Richard Wagners „Meistersinger von Nürnberg“ im Rampenlicht, die in der braunen Propaganda eine herausgehobene Rolle spielten.

Auf der Festwiese marschiert das Volk auf. „Heil“-Rufe schallen Hans Sachs entgegen, dem Schuster,  der  für alle spricht: Die Pflege der nationalen Kunst ist die vaterländische Pflicht aller Deutschen. So hat das Wagner in seiner 1862 uraufgeführten Oper formuliert – romantisch, in einer Zeit, als Deutschland noch ein Flickenteppich war aus vielen kleinen und großen Ländern.

Den Nationalsozialisten, den selbst ernannten Hütern deutscher Tradition, hat diese Oper ideologisch später besonders gut gefallen und in die Karten gespielt. Hitler sah sich in der Führer-Rolle des Sachs: Er galt ihm als ideale Verkörperung des schaffenden Arbeiters aus dem Volk und des kunstsinnig-schöpferischen Genies.  Hitler veranlasste in Nürnberg den Umbau des Opernhauses,  entschied persönlich über die Sänger-Besetzung und die mittelalterliche Bühnenästhetik; mit den „Meistersingern“ eröffnete 1935 der Reichsparteitag der NSDAP.  Die Festoper blieb über Jahre das Pflichtprogramm. Was im Übrigen nicht jedes Parteimitglied schätzte. Als viele Plätze der Ehrengäste unbesetzt blieben, Karten verschenkt wurden, verfügte Hitler, dass Einladungen nicht übertragbar seien.

„Fanget an!“ – so fordert der Merker den  Walther von Stolzing auf, sein Preislied zu singen. Am 10. August 1938 gab Julius Streicher, der fanatische Antisemit und Gauleiter Frankens, mit diesen Worten am Hans-Sachs-Platz den Befehl, die Synagoge abzureißen. Das alles dokumentiert die umfassende, auch opernhaft inszenierte Ausstellung, die im „Intendantenzimmer“ beginnt und auch viele Akteure, Opernstars wie Theaterangestellte, als Zeitzeugen porträtiert.

Es ist eine erschütternde Schau über Propaganda und Musiktheater in Nürnberg, einer Stadt, die als Bühne der Nationalsozialisten herhalten musste. In Nürnberg brachte auch der „gottbegnadete“ Wagner-Enkel Wieland noch 1944 die „Götterdämmerung“ zur Aufführung – so schließt sich der Kreis. Es ist eine Ausstellung über die Faszination Oper – und erzählt von deren Missbrauch, von Risiken und Nebenwirkungen.

Koskys Bayreuther Statement

Natürlich führt der Weg nach Nürnberg über Bayreuth – und nicht umgekehrt. Wagner war zuerst und starb 1883. Die braunen Flecken aber verlieren die  „Meistersinger“ nicht mehr, jede Aufführung muss dazu ein Statement setzen. Barry Kosky zeigt das in seiner aktuellen Inszenierung für die Bayreuther Festspiele. Den dritten Aufzug lässt er in den Kulissen des Nürnberger Kriegsverbrechertribunals spielen, der in Gestalt Wagners auftretende Sachs sitzt auf der Anklagebank und rechtfertigt sein Werk: „Verachtet mir die Meister nicht, und ehrt mir ihre Kunst!“

Jeder Zuschauer muss sich nun selbst fragen, was Wagner in ihm auslöst. Dann verschwindet in Koskys Regie das Volk: Nur Orchestermusiker fahren auf einem Riesenpodium herein, inbrünstig dirigiert von Wagner. Es ist ein Traum: Weg mit jeder Propaganda, nur die Musik zählt!

275 000 Besucher im Jahr

Ausbau Mit Hilfe von Bund und Freistaat Bayern baut die Stadt Nürnberg das Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände von Herbst an weiter aus. Zur Verfügung stehen dafür 15,3 Millionen Euro. Das Dokumentationszentrum wurde 2001 im nördlichen Kopfbau der unfertigen Kongresshalle der Nationalsozialisten eröffnet. Damals ausgelegt auf eine maximale Besucherzahl von 100 000 Personen im Jahr, waren es 2017 bereits 275 000.

Öffnungszeiten Die Sonderausstellung „Hitler.Macht.Oper“ läuft bis 3. Februar. Das Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände in Nürnberg (Bayernstraße 110) ist täglich geöffnet: Mo-Fr 9-18, Sa/So 10-18 Uhr.

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