Roman Matt Ruff: Subversive Hommage ans Horror-Genre

Seattle/Hamburg / Claudia Reicherter 28.07.2018

Atticus’ Vater ist verschwunden. Nur eine kryptische Botschaft hat er hinterlassen. Von einer Entdeckung ist da die Rede, von einem dem Sohn bislang vorenthaltenen Vermächtnis seiner verstorbenen Mutter und davon, dass jener zu ihm kommen solle, um sein Geburtsrecht einzufordern. Die Adresse lässt Atticus sogleich an seine geliebten Schauergeschichten denken: Arkham in Massachusetts – Lovecraft Country! Da lebt Leichenreanimator Herbert West, dort ist die Miskatonik-Universität, weiß der Korea-Veteran. Jedoch: „Der Ort ist doch erfunden?“. Onkel George, Inhaber eines Reisebüros und Herausgeber des „Safe Negro Travel Guide“, holt da gleich den Straßenatlas hervor – wir befinden uns in der Prä-Navi-Ära, im Amerika der 1950er Jahre – und stellt fest: Es handelt sich wohl eher um Ardham, ein 250-Seelen-Kaff an der Grenze zu New Hampshire.

Als klar ist, dass sein Bruder Mont­rose mit einem der Familie wie Freunden unbekannten jungen Weißen mitgegangen ist, machen sich George, Atticus und ihre Bekannte Letitia auf den Weg von Chicago gen Osten. Obgleich Schwarze zu jener Zeit auf Reisen nicht mal im eigenen Auto sicher waren, auch oder schon gar nicht vor der Polizei. Doch was sie im Herrenhaus von Ardham erleben, wo sie Atticus’ Vater schließlich aufspüren, ist erschreckender als prügelnde, schießfreudige, vorurteilsbeladene Cops, an die Farbige in den USA zu Zeiten der Jim-Crow-Rassentrennungsgesetze leidlich gewöhnt sind. Oder nicht?

Spukhaus versus Alltags-Horror

Anspielungen auf Horror-Klassiker, zahlreiche literarische Querverweise und motivische Zitate  machen Spaß – und wie der Titel gleich klar: Matt Ruffs neuer Roman „Lovecraft Country“ spielt in einer genregemäßen Welt der Spukhäuser, Teufelspuppen und Hexenjäger, der übersinnlichen Wahrnehmungen, der „Heidenangst“ und extraterrestrischen Abenteuer.

Die Hauptrollen haben darin aber ganz entgegen der von Weißen beherrschten Tradition „Neger“ inne. Und Frauen! So erweist sich etwa Letitia, gläubige Christin und einziges weibliches Mitglied eines Science-Fiction-Clubs, die sich anfangs fast unbotmäßig aufgedrängt hatte, schon bald als wahrer Segen. Ebenso wie am Ende auch ihre Schwester Ruby und Georges Frau Hippolyta.

Statt weißer Magie helfen ihnen Pragmatismus und Bodenhaftung aus furchteinflößenden Situationen. Denn die haben weniger mit Übernatürlichem als mit Widernatürlichem wie dem Alltags-Rassismus zu tun, den es durchaus heute noch gibt.

Der New Yorker Matt Ruff, Nachfahre deutscher Einwanderer, wollte schon als Kind Autor werden und lebt von seiner Kunst seit 1988, als er noch als Student sein gefeiertes Debüt „Fool on the Hill“ veröffentlichte. Sein jüngstes Werk verknüpft acht packende Geschichten, die – angesichts der Episodenhaftigkeit kaum überraschend – gerade schon als TV-Serie verfilmt werden. Jede ist einem anderen Mitglied zweier afroamerikanischer Familien gewidmet. Deren Konflikte mit weißen „Naturphilosophen“ erzählt der 52-Jährige voll Wärme und Humor, was ihn näher an Harper Lee als an Walpole, Stevenson und den rassistischen Horror-Meister H.P. Lovecraft rückt. Dessen Erbe huldigt er darin eh nur vordergründig, kehrt es vielmehr gewieft um und subvertiert es so.

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