Kunst Markus Lüpertz in Ulm: Zwischen Hölderlin, Herkules und Hirte

Bernd Geserick (links) mit Markus Lüpertz.
Bernd Geserick (links) mit Markus Lüpertz. © Foto: Albrecht Storp
Claudia Reicherter 07.10.2017

„Wir experimentieren“, sagt der Stargast am Ende des etwa 40-minütigen Konzerts im Stadthaus bescheiden, fast entschuldigend. Dabei gibt es nichts, wofür er sich entschuldigen müsste. Stefanie Schlesinger (Gesang) und Wolfgang Lackerschmid (Vibraphon) haben den berühmten Maler Markus Lüpertz am Flügel so virtuos und feinfühlig wie facettenreich begleitet und seine Texte zum Thema „Herzschmerz“ beeindruckend einprägsam interpretiert.

Immer wieder überrascht der in Berlin, Düsseldorf und Karlsruhe lebende Künstler, einer der weltweit erfolgreichsten seiner Zunft, an diesem Abend. Etwa mit dem Bekenntnis, „es ist eigenartig, das Musizieren macht mich glücklich, das Malen unglücklich“. Wohl deshalb sei er Maler geworden und nicht Musiker: Das Unglücklichsein stelle ein dauerhafteres, interessanteres Gefühl dar. Nichtsdestotrotz sei dies „ein sehr glücklicher Moment“.

Das wiederum macht das Publikum und jenen Mann glücklich, der Lüpertz am Donnerstag einmal mehr nach Ulm geholt hat: Bernd Geserick. Gemeinsam mit dem Malerstar spaziert der Galerist durch den Ulmer Regen im Anschluss zur Galerie am Fischerplatz. Dort sieht sich Lüpertz erstmal um, scheint mit der Hängung seiner neuen Arbeiten – ebenfalls zu „Herzschmerz“ – zufrieden und will „mal kucken, dass wir was zu trinken kriegen“.

Ein feiner Herr und Bohémien, der trotz seiner gewohnt manierierten Ausstattung mit Hut, Stock und Schmuck recht nahbar scheint. Auch die Kunst, die der 76-Jährige hier zeigt, überrascht.

Gemessen am jüngst zur Wiedereröffnung der Berliner Staatsoper geschaffenen monumentalen Bühnenbild  wirken die Gouachen, Holzschnitte, Zeichnungen, handaquarellierten Radierungen und bemalten Skulpturen  in der Fischergasse zerbrechlich. Und angesichts des Erfolgs ihres Schöpfers unerwartet melancholisch. Bei aller ins Auge stechenden zeichnerisch-malerischen Virtuosität, kompositorischen Dynamik und leuchtenden Farbigkeit der wohnzimmertauglichen bis wandfüllenden Formate: Ob „Abend am See“, „Arkadische Reiter“ oder „Grünes Licht“, die Figuren wenden sich vom Betrachter ab. Und sie strahlen vor allem eins aus – Traurigkeit.

Ausstellungsredner Martin Mäntele hat das titelgebende Werk gar richtig schockiert: „So greifbar habe ich ,Herzschmerz’ noch nie gesehen.“ Trotzdem ist das eine sehr schöne Ausstellung. Lüpertz’ Helden –  Hölderlin, Herkules und Hirte – sind zwar angeschlagen, aber zugleich zutiefst menschlich. Eine Serie von Blättern am Eingang fasst diese Dialektik erhellend in Worte.

Die „Imaginationen“ schlagen auch den Bogen zurück zum Konzert, das der gebürtige Böhme „zur Erweiterung  der eigenen Dimension“ nutzt. Um sich seiner Auffassung von Bohème gemäß „in atmosphärischen Räumen zu bewegen“, gehörten Dichtung und Musik einfach dazu, zu den Bildern und Objekten, die von Reife und Nachdenklichkeit erzählen – bis hin zur Erkenntnis, dass „wir keine andere Chance bekommen“.

Info Markus Lüpertz: „Herzschmerz – Grafik, Skulptur“ in der Ulmer Galerie am Saumarkt bis 17. November, Mi-Fr 11-13/14-18, Sa 11-15 Uhr.