Festival Markus Hinterhäuser: Ein Mann der leisen Töne

Kulturmanager ohne Schlips: Der 59-jährige Intendant Markus Hinterhäuser will das Festival intellektuell wieder zum Leuchten bringen.
Kulturmanager ohne Schlips: Der 59-jährige Intendant Markus Hinterhäuser will das Festival intellektuell wieder zum Leuchten bringen. © Foto: © Salzburger Festspiele / Franz Neumayr
Otto Paul Burkhardt 03.01.2018
Markus Hinterhäuser ist seit 2017 Intendant der Salzburger Festspiele. Der 59-jährige Pianist gilt als Hoffnungsträger.

Hoch droben im Haus für Mozart, wo wir uns treffen, eröffnet sich ein toller Blick über die Dächer von Salzburg. Markus Hinterhäuser ist beruflich ganz oben angekommen: Seit Sommer 2017 ist er Intendant der Salzburger Festspiele, Chef des weltweit größten Klassik-Festivals mit Fünfjahresvertrag. Ein Top-Job. Auf Augenhöhe mit New York, Mailand und Wien.

Der 59-jährige Pianist und Kulturmanager, geboren 1958 im italienischen La Spezia, lebt seit fast 40 Jahren in Salzburg. Er kennt die Festspiele von der Pike auf, hat 1991 unter dem Reform-Intendanten Gerard Mortier die Avantgarde-Reihe „Zeitfluss“ gegründet. Jetzt, nach dem Abgang Alexander Pereiras an die Scala und einer glücklosen Übergangsphase, war Hinterhäuser Wunschkandidat aller, die eine Erneuerung des Festivals fordern. „Der einzig Richtige“, jubelten die Feuilletons nach seiner Wahl.

Im ewigen Streit, ob Inhalte oder Namen wichtiger seien, bot Hinterhäuser in seiner starken Auftaktsaison 2017 einen versöhnlichen Brückenschlag an: hier ungewöhnliche Opern-Regisseure wie Shirin Neshat und William Kentridge, dort Superstars wie Anna Netrebko. Bei allem Hype um seine Person – manche sehen ihn als „Visionär“, andere gar als „Erlöser“ – blieb er ein Mann der leisen Töne: offen, zugänglich, blitzgescheit.

Doch wenn’s um Klischees geht – etwa um das hartnäckige Mantra, das Festival sei nur eine Glamour-Schau der Reichen und Schönen und darum auch Schwerhörigen, kann er auch bissig werden: Derlei Vorurteile seien überholt. Hinterhäuser, vom Typ her lässig und jugendlich, verkörpert ein anderes Salzburg. Er ist ein Künstler-Intendant, der als Pianist das Gesamtwerk von Schönberg eingespielt hat. Einer, der Luigi Nono und Leonard Cohen verehrt. Einer, der das Festival auch intellektuell wieder zum Leuchten bringen will. „Konzerte als Party-Service“? „Das werde ich sicher nicht tun“, hat er vor Jahren mal gesagt.

Zu den Lautsprechern, Dickhäutern und Selbstdarstellern, wie man sie häufig in seiner Branche trifft, zählt er nicht. Er redet im Piano-Tonfall, zitiert Paul Valéry oder Hölderlin und setzt auf „intuitive Intelligenz“. Kann sein, dass man ihn auch mal im Café trifft: als Zeitungsleser im Raucherbereich. Krawatte trägt er nicht mal bei Fototerminen mit Regierungschefs. Und beim Interview in seinem Büro gibt’s statt allfälliger Mozart-Kugeln kantige Bach-Würfel.

Markus Hinterhäuser ist der Sohn eines Österreichers und einer Italienerin – der Großvater war Kapitän. Als Pianist ist er nun auch im eigenen Festival präsent. Warum ausgerechnet er als Trouble-Shooter der Festspiele berufen wurde, hat viele Gründe. Vor allem: Der Ruf des Festivals hatte gelitten. Die Intendanten lösten sich immer schneller ab, zuletzt dominierte austauschbare Kulinarik.

Hinterhäuser, den die Festspielleitung zunächst bis 2021 verpflichtete, soll wieder Kontinuität reinbringen. Gibt’s einen Fünfjahresplan? Nein, sagt er lachend, „sonst würde ich ja eine Kolchose führen und kein Festspiel.“ Doch eine „beliebige Aneinanderreihung von Veranstaltungen“ – das ist nicht sein Ding.

Zuerst komme „das Warum, dann das Wie“. Er  versuche in Zusammenhängen zu denken, „eine Art von Erzählung vorzunehmen“. 2017 war „Macht“ das Thema des neuen Intendanten, 2018 geht es um „Passion, Leidenschaft und Ekstase“. Solche Leitfäden seien nur eine „Einladung“ zum Nachdenken, „ohne jemandem vorschreiben zu wollen, wie er was warum zu empfinden, zu hören, zu sehen hat“.

„Vitalisierend“ ist eins seiner Lieblingsworte. Denn Hinterhäuser kennt das zur Erstarrung neigende System Salzburg. Als Student am Mozarteum sei er noch um das Festspielhaus, das er damals als abgeschotteten „Kulturkreml“ empfand, „herumgeschlichen“ – auf der Suche nach Billigkarten.

Mit „Zeitfluss“, seinem „Fringe-Festival im Festival“, gelang ihm eine nachhaltige Öffnung. Später wurde er Konzertchef und 2011 ein Jahr lang Interim-Intendant. Von 2014 bis 2016 leitete er die Wiener Festwochen. Er weiß genau, welche Parameter er verändern kann und welche nicht. 60-Millionen-Etat, 250 000 Karten, 206 Aufführungen in fünf Wochen: Das ist kein Job für nur zart besaitete Künstlerseelen. Und von wegen Schicki-Micki: Für alle Konzerte, betont er, gebe es auch erschwingliche Preise. Bei einer Viertelmillion Besucher sei das Publikum viel zu heterogen für Pauschalurteile.

Promi-Tratsch, Skandale? Das gibt’s auch anderswo, sagt er. Zudem sei er „nicht Türsteher des Festivals, sondern Intendant“. Der „größte Respekt, den man einem Publikum entgegenbringen kann, ist, die Besucher nicht als Kreditkarten auf zwei Beinen zu sehen, sondern sie ernst zu nehmen“. Er möchte „keinen Wellness-Park errichten“.

Für 2018 kündigt er wieder Regisseure an, die neu auf dem Salzburger Parkett sind: Lydia Steier, Romeo Castellucci, Jan Lauwers. Was die Oper angeht, schätzt er das „ungeheure Privileg, große Kunstwerke zu überprüfen“ – in einer veränderten Welt. „Mit der Befragung dieser Werke können wir auch uns selber, unsere Situation befragen.“ Sein Ziel bleibt, das Publikum „auf eine kluge und aufrichtige Art“ zu fordern. Dazu lächelt er wissend: „Der Dank, der dann zurückkommt, ist riesig.“

Die Spielzeit 2018 der Salzburger Festspiele

Seine zweite Saison Hinterhäuser wird die Spielzeit 2018 mit Mozarts „Zauberflöte“ eröffnen – in einer Zusatzrolle gibt Bruno Ganz den „Erzähler“. Es folgen Strauss‘ „Salome“, Tschaikowskis „Pique Dame“, Monteverdis „Poppea“ und Henzes „Bassariden“. Neben Regie-Altmeister Hans Neuenfels („Pique Dame“) inszenieren Salzburg-Neulinge: Lydia Steier, Romeo Castellucci, Jan Lauwers und Krzysz­tof Warlikowski. Es dirigieren Constantinos Carydis, Franz Welser-Möst, Mariss Jansons, William Christie und Kent Nagano. Unter den Solisten sind Matthias Goerne, Christiane Karg und Sonya Yoncheva. op