Kunst  Marc Chagalls Bibel-Illustrationen im Kunstmuseum Heidenheim

Wie Chagall die Bibel sieht: „Aaron und der siebenarmige Leuchter“.
Wie Chagall die Bibel sieht: „Aaron und der siebenarmige Leuchter“. © Foto: Gerda Meier-Grolman
Burkhard Meier-Grolman 11.10.2017

Sobald sich ein eigensinniger Künstlerkopf wie Marc Chagall (1887-1985) mit den Innereien der Bibel beschäftigt, kann man sich ausmalen, dass die streng gläubigen Kirchenoberen keinerlei Einspruchsrecht mehr haben. Etwa wenn der bekanntermaßen standfeste Moses Lust verspürt, seine Prophetenbeine mal vom Boden zu lösen und sich trotz der zentnerschweren Gesetzestafeln, die er den Israeliten präsentiert, in einen Schwebezustand zu versetzen.

Chagall wollte ja das Alte Testament nicht durchbuchstabieren, sondern die außergewöhnlichen Ereignisse, die ihm da berichtet werden, als Traumerfahrungen wahrnehmen und sie so in seine ganz eigene Bildwelt übersetzen.

Sämtliche erreichbaren Bibel-­Illustrationen aus Chagalls Werkstatt hat im Reformationsjahr das Heidenheimer Kunstmuseum zu einem opulenten Ausstellungspaket geschnürt: 105 Radierungen zur Bibel sind zu sehen, 40 Farb-Lithografien aus der sogenannten Verve-Bibel, 24 Farblithos aus der „Exodus“-­Serie, 12 Entwürfe für Chagalls Glasfenster in Jerusalem und als besondere Zugabe 30 Radierungen zu den späten Psalmen Davids.

Tatsächlich hält der träumerische Schwebezustand nahezu in allen Blättern an. Der Zug durch das Rote Meer gerät zum himmlischen Spektakel, denn da sind mehr Wolken als Wellen. Wenn Aaron und Moses vor den Pharao treten, haben sie ein Luftpolster unter ihren Schuhen. Auch der Tanz um das Goldene Kalb ist mehr oder weniger eine Luftnummer, selbst Gott der Herr ruht auf einer dicken Wolke, wenn er sich den Menschen offenbart. Selbst Hiob in seiner Verzweiflung scheint Engelsflügel zu besitzen, von der biblischen Schöpfung gar nicht zu reden, da dürfen sogar Fische und Ziegen auf Anweisung von Marc Chagall das Fliegen lernen.

Info Bis 18. Februar im Kunstmuseum Heidenheim, Di-So 11-17, Mi bis 19 Uhr.