Tübingen Mankells Kurt Wallander als Opernheld in Tübingen

Matias Bocchio und Thérèse Wincent in Amelungs Oper.
Matias Bocchio und Thérèse Wincent in Amelungs Oper. © Foto: Martin Frech
Tübingen / WILHELM TRIEBOLD 18.07.2016
Kurt Wallander ist zurück.  Nicht als Romanfigur, sondern als Opernheld. In Tübingen  rollt er nun einen alten Fall auf. Und singt Bariton.

Als Henning Mankell seinen sperrigen Mordermittler vor sechs Jahren letztmals antreten ließ, war klar: Wallanders schwerster Gang führt nicht nur in den verdienten Ruhestand, sondern ins ewige Vergessen. Die Diagnose lautete: Demenz. Auf der Opernbühne befällt ihn ganz offenbar das gleiche Leiden. Gedankenverloren schüttelt er dargereichte Hände zum langersehnten Abschied, dem ihm seine Polizistenkollegen bereiten.

Doch der Reihe nach. Wallander-Fan Philipp Amelung, ansonsten an Tübingens Uni für den laufenden Musikbetrieb zuständig, holte sich kurz vor Mankells Tod noch dessen Segen für sein Vorhaben. Mit schwedischer und mit universitärer Schützenhilfe entstand danach diese fast dreistündige Krimi-Oper, die erstmal nach dem Whodunit-Prinzip angelegt ist – wer hat‘s getan? „Ich war‘s nicht“, beteuert auf der Bühne das Justizopfer. Doch auch Komponist Sixten müsste gestehen: Er war es zumindest nicht alleine. Sixten hat mit erstaunlicher eklektischer Energie zusammengefügt, was die jüngere Musikgeschichte hergibt. Weichgespülter Britten trifft Lloyd Webber, und Filmmusik-Qualitäten hat diese Dreikronenoper sowieso. Es findet sich durchaus Belcanto, Schmelz, Melodik, Wohllaut. Und ja doch, auch richtige Arien. Als Kirchenmusiker aus der skandinavischen Chorschule kann Sixten die schönen Chorpassagen am besten, und: Ja, er hat einen dramatisch-dramaturgischen Zugriff auf den Stoff. In der Partitur lauern neben Alibis auch Indizienketten. Wer hat ein Motiv, womöglich ein Leitmotiv?

Es wird zupackend musiziert, und aus dem Solistensextett ragt Johannes Fritsche als transgegendertes Mordopfer heraus. Dirigent Amelung hat besonders seinen Akademischen Chor gut eingestellt, und die Umsetzung im nicht besonders operntauglichen Festsaal der Uni  gestaltet sich dann erstaunlich professionell. Vor allem die Medienwissenschaftler haben sich da projektbegleitend ins Zeug gelegt und die routiniert mit Rückblicken hantierende Inszenierung von Julia Riegel nun sogar für die Nachwelt auf Video gebannt. Jetzt reist die Produktion erst mal an den Originalschauplatz ins schwedische Ystadt.

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