Roman Manfred Eichhorns „Schwanenschrei“

Manfred Eichhorn in seinem Garten in Beuren: Das Foto auf dem Tisch mit Monika Eichhorn und Mary Tucholsky hat er 1969 beim ersten Besuch in Rottach-Egern geknipst.
Manfred Eichhorn in seinem Garten in Beuren: Das Foto auf dem Tisch mit Monika Eichhorn und Mary Tucholsky hat er 1969 beim ersten Besuch in Rottach-Egern geknipst. © Foto: Lars Schwerdtfeger
Ulm / Helmut Pusch 17.07.2018

Auch Polizisten haben ein Leben vor und nach ihrem Job. Das gilt manchmal selbst für Ermittler, die nur das Produkt literarischer Einbildung sind. So einer ist Klaus Lott. Den hat der Ulmer Autor Manfred Eichhorn ersonnen und ihn seine Fälle zunächst mal im Ulmer Neuen Bau und dann als Sonderermittler der Landespolizeidirektion lösen lassen. Doch das ist alles vorbei. In Manfred Eichhorns neuem Roman „Schwanenschrei“ ist dieser Lott seit wenigen Wochen in Pension, er muss sich erst noch hineinfühlen in das, was ihm während seiner aktiven Zeit als Freiheit erschienen war und ihm jetzt eher als Verlust  ankommt.

Und just in dieser Zäsur meldet sich Klaus Lotts Vergangenheit: Ilse. Mit ihr war Lott einst liiert. Mit ihr hatte der knapp 20-Jährige, der schon die Zulassung für die Polizeihochschule in der Tasche hatte, Mary Gerold-Tucholsky, die zweite Ehefrau Kurt Tucholskys, in Rottach-Egern aufgesucht, wo sie das Tucholsky-Archiv aufbaute.

Reale Szene

Mary Tucholsky hatte dem jungen Paar einen Brief gezeigt, in dem ihr ein unbekanntes Manuskript  Tucholskys angeboten wird: „Schwanenschrei“, das Tucholsky im schwedischen Exil  geschrieben haben soll. Mary Tucholsky ist misstrauisch, allerdings trägt der Brief den Absender Hans Müller und die Adresse der Zürcher Ärztin Hedwig Müller, Tucholskys Geliebter, die er „Nuuna“ nannte und mit der er einen regen Briefwechsel pflegte.

40 Jahre später meldet sich Ilse, die einen Tegernseer geheiratet hatte, der mit dem Zubetonieren seiner Heimat zum Multimillionär wurde, wieder bei Lott und bittet ihn um Hilfe. Ihre Tochter sei verschwunden – kurz nachdem sie aus Japan zurückgekehrt war. Dort hatte sie nach dem Manuskript geforscht und war fündig geworden.

So startet Eichhorns nunmehr fünfter Roman um seinen Kommissar. Doch die Anfangssequenz ist alles andere als reine Fiktion. „Wir haben das so ähnlich erlebt“, erzählt Eichhorn. Der junge Buchhändler war 1969 mit seiner Frau Monika Eichhorn tatsächlich am Tegernsee auf Hochzeitsreise. „In irgendeinem Reiseführer hatten wir gelesen,  dass es in Rott­ach-Egern das Tucholsky-Archiv gibt. Das war gar nicht öffentlich zugänglich, aber wir haben angerufen und Mary Tucholsky hat uns für den nächsten Tag eingeladen.“

Als die Eichhorns dort bei Kaffee und Kuchen saßen, kam tatsächlich ein Brief an, in dem Mary Tucholsky Werke Tucholskys angeboten wurden. „Sie war sehr verärgert“, erinnert sich der Ulmer Autor, der lange Jahre mit Tucholskys zweiter Frau in Kontakt blieb. „Ich habe ihr sogar ein Gedicht gewidmet“, sagt Eichhorn. „Und immer wenn wir am Tegernsee waren, haben wir sie besucht.“

Überhaupt der Tegernsee: „Das ist für mich ein Sehnsuchtsort“, sagt Eichhorn, dessen neuestes Buch auf dem Cover eine Zeichnung des Simplicissi­mus-Künstlers Olaf Gulbransson ziert, der auch am Tegernsee wohnte.  „Früher lebten dort viele Künstler, heute können es sich nur noch die Profis des FC Bayern leisten, dort ein Haus zu bauen: Neuer, Lahm oder Hoeneß.“

Und auch das ist ein Thema im neuen Roman Eichhorns, das der Ulmer geschickt von der Tochter Ilses erzählen lässt, die sich als Autorin regionaler Krimis bescheidene Berühmtheit erschrieben hat. Sie hat aber auch einen Schlüsselroman verfasst, der die Geschäftspraktiken ihres Vaters und dessen Amigos beschreibt. So macht man sich am Tegernsee keine Freunde. Eichhorn zitiert immer wieder Passagen aus diesem Roman, legt so Spuren, denen Lott folgt.

Kein Krimi

Spuren? Auch wenn die Hauptperson ein ehemaliger Kommissar ist: „Schwanenschrei“ ist kein Krimi, nutzt aber die Frage, wo Ilses Tochter ist, zumindest am Anfang, um den Leser bei der Stange zu halten. Aber schon bald entwickelt die Geschichte um Lott und seine alte Liebe ihren ganz eigenen Sog, auch weil Eichhorn seinen Lott gut kennt, ihn alles andere als flach anlegt und ihn sich Fragen stellen lässt, die einem so oder zumindest fast genauso durch den Kopf gehen dürften, wenn man sich gerade aus dem Arbeitsleben verabschiedet hat und schon mal Bilanz zieht.

Dass Lott dabei eine ganze Menge von seinem Autor geerbt hat, leugnet Eichhorn keinen Moment. Und apropos Autobiografisches: Auch einen der Hausherren am Tegernsee kennt Eichhorn schon ganz lange: Uli Hoeneß – allerdings nicht vom Tegernsee, sondern vom Ulmer Fußballplatz. In der D-Jugend haben die Ulmer öfter gegeneinander gekickt: Eichhorn als Torwart bei der TSG Söflingen und Hoeneß als Stürmer beim VfB Ulm.

Jetzt bei Gmeiner

Verlag Nach knapp zwei Dutzend  Büchern und vier Krimis um den Kommissar Klaus Lott beim Tübinger Silber­burg-Verlag  ist Manfred Eichhorn jetzt zum Meßkircher Gmeiner Verlag gewechselt. Eichhorn begründet das mit dem Besitzerwechsel bei Silberburg. Altverleger Titus Häussermann sei ein Freund. Ohne ihn habe er keine Zukunft in Tübingen gesehen. Zudem sei Silberburg sehr auf Baden-Württemberg fokussiert. Der Roman „Schwanenschrei“ spiele aber am Tegernsee und sei deshalb bei einem bundesweit agierenden Verlag besser aufgehoben.

Buch Manfred Eichhorn: Schwanenschrei. Gmeiner-Verlag, 246 Seiten, 12 Euro.

Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel