Dies ist im eh schon touristisch hochgerüsteten Herzen Potsdams ein Museum, wie es so noch keines gab. Der Besuch im Palais Barberini erspart bei Atemerkrankungen ein Rezept vom Hals- und Nasenarzt. Denn eine frischere, sauberere Luft findet man in keinem anderen öffentlichen Gebäude Deutschlands. Seine Belüftungsanlage stellt sich nicht nur automatisch auf die jeweilige Außentemperatur ein, sondern sie belüftet auch, fast unhörbar summend, gleichmäßig alle 17 Ausstellungsräume auf 2200 Quadratmetern dreistöckiger Fläche.

Das Klima in dem Elbsandstein-Gemäuer, das nach einer Vorlage aus dem 18. Jahrhundert von Grund auf neu gebaut wurde, ist damit verlässlich noch besser als es draußen sein kann. Na, wenn das nichts ist! Natürlich ist auch die LED-Beleuchtung die teuerste und modernste, sodass es den Bilderrahmen nicht mehr gelingt – wie in den meisten anderen Museen leider üblich – unter ihrer oberen Leiste eine schwarze Schattenzone entstehen zu lassen. Glückwunsch!

Wir kommen aus dem Schwärmen nicht heraus. Der Neubau passt wie angegossen zu seiner direkten Nachbarschaft, dem alten Rathaus (in dem das städtische Museum residiert), dem Stadtschloss (in dem der Landtag sitzt) und der Schinkelschen Nikolai-Kirche mit ihrer alles überragenden Kuppel. Alles Wiederaufbau-Ost nach Maß.

Die Residenzstadt von Friedrich dem Großen mit ihren meist nach italienischem Vorbild erstandenen geometrisch harmonischen Großbauten nimmt sichtbar wieder schöne Gestalt an. Der Bevölkerung mit ihrer eigenen Lebenserinnerung scheint es dagegen noch immer nicht zumutbar, neben dem nun wirklich top-hässlichen DDR-Monstrum einer querstehenden Fachhochschule auch das die Silhouette bestimmende Mercure-Hotel dem Abriss zu opfern.

Das äußerlich elegant originalgetreu zwischen Barock und Klassizismus nachempfundene Barberini-Museum jedenfalls hat bereits die Argumentationskraft der Wiederaufbau-Befürworter einer ideell schwer preußisch-nazihaft belasteten Garnisonskirche beflügelt. Deutsche Geschichte, im Guten wie im Bösen, hat eben auch bauästhetisch in Potsdam ihre Spuren hinterlassen.

Wohin mit allen Bildern?

Der Mann, der sich so eine stilgerechte Wiederauferstehung von der im Krieg zerstörten und von der DDR vollends entsorgten Pracht und Herrlichkeit leisten kann, heißt Hasso Plattner. Der 73-Jährige ist zwar kein Potsdamer (jetzt aber Ehrenbürger), sondern Berliner und hat Geld wie Heu. Sein Vermögen hat er im nordbadischen Walldorf mit dem in Deutschland bedeutendsten und einflussreichsten IT-Software-Unternehmen SAP gemacht.

Als Kunstsammler, der schon lange nicht mehr weiß, wohin mit allen seinen unzähligen Querbeet-Bildern, wollte er es den Milliardärs-Kollegen Bucerius und Burda gleichtun und ebenfalls ein hochkarätig bestückbares Museum als Stiftung gründen. Das ist ihm hiermit gelungen – und er hat damit Bucerius in Hamburg und Burda in Baden-Baden rein quantitativ auf Anhieb in den Schatten gestellt.

Was die sündhaft teure Elbphilharmonie nun für Hamburg geworden ist, nämlich ein Publikumsmagnet der Sonderklasse, das wird wohl Plattners höchst ansehnliches Barberini für Brandenburgs beschauliche Hauptstadt werden. Bloß dass er nur drei Jahre Bauzeit benötigte und mit etwa einem Zehntel der Baukosten ausgekommen ist, was freilich immerhin auch noch zwischen 70 und 80 Millionen Euro ausmacht – ein Taschengeld, wenn man Milliarden hat!

Aber der launig leutselige Multi-Mäzen drohte gestern auf seiner Eröffnungs-Pressekonferenz unverblümt, es sei Schluss mit lustig, falls die Regierung die Vermögenssteuer wiedereinführen sollte: „Dann verändert sich auch diese inzwischen ja etwas absonderliche Republik!“ Seiner noblen Stiftung würde er jedenfalls alsbald den Hahn zudrehen.

Jetzt aber wird erst einmal fröhlich gefeiert und angesichts eines überfüllten Presse-Empfangssaals dem weiß Gott nicht unterentwickelten Ego gehuldigt: „So viele kommen nicht mal zur SAP-Hauptversammlung. Ist auch wichtiger hier.“ Und weil zur ersten Ausstellung, die dem Impressionismus gewidmet ist, fast zwei Dutzend renommierte Museen und Sammlungen aus der ganzen Welt mit Leihgaben nicht geizten, findet er: „Obwohl wir ja erst beginnen, sind wir schon in der Champions-League angekommen!“

Das heißt dann aber doch den Mund ein bisschen voll nehmen. Die Impressionismus-Ausstellung, wenig originell, konzentriert sich auf Landschaftsbilder. Von den 91 Gemälden sind allein 41 von Monet, aber nur ein winziges von Manet, dafür gibt es viele relativ seltene Sisleys und Pissarros.

Aufgegliedert sind sie in acht Themen: kliff-umtosendes Meer, Wald und Lichtung, wolkiger Himmel in Fluss-Spiegelungen, Pappeln und Felder gegen den Horizont, Garten-Blumenglanz als Farbinszenierung, die berühmten Monet-Serien mit Licht und Schatten bei Heuschobern und Seerosen, blendendes Schneewinter-Weiß und die  pointillistische Sehnsucht nach dem Süden. Dazu im Untergeschoss einige Appetitanreger für kommende Ausstellungen: drei im Jahr, zunächst als Washingtoner Gastspiel amerikanisches 20. Jahrhundert, dann die besonders zahlreich vertretene hauseigene, maskenhafte DDR-Kunst als Neubewertungsaufgabe.

Da wird es dann, vage nach-impressionistisch, kunterbunt und sehr blumengarten-selig mit neun Liebermanns, fünf Noldes und, als Höhepunkt der Plattner-Sammlung, sechs melancholischen Munchs. Wie dann aber Kandinsky, Warhol und Richter mit Mattheuer, Tübke und Heisig oder gar Sitte in (Gedanken-)Verbindung gebracht werden sollen, das erschließt sich dem Lustwandelnden durch die nüchtern-sachlichen 17 Säle nicht, die für jedes Bild ideal wechselnde dezente Farbwände haben.

Und gar nicht glücklich wird man mit den zum allergrößten Teil heillos überreinigten, knallbunt kaputt-restaurierten hauseigenen Bildern, also 70 Prozent der Ausstellung. Das nennt man „aufhübschen“. Nur in den USA machen sie dies noch aufdringlicher.

Wenn man sehen will, wie es ohne solch schädliches „Overcleaning“ geht, dann werfe man bloß mal beispielsweise einen bewundernden Blick auf die Leihgaben aus der Hamburger Kunsthalle (Rousseau und Pena) und der Eremitage (Pena und Corot).

Unternehmer und Mäzen


Biografie Hasso Plattner, 1944 in Berlin geboren, studierte nach dem Abitur 1963 an der Universität Karlsruhe Nachrichtentechnik und begann seine Karriere 1968 bei IBM. 1972 gründete er gemeinsam mit vier Kollegen – darunter Dietmar Hopp – die Softwarefirma SAP.  Seit 2003 ist er dort Aufsichtsratsvorsitzender. Seit seinem Rückzug aus dem Tagesgeschäft der SAP engagiert er sich als Mäzen, sowohl in der Wirtschaft und Forschung wie auch in der Gesundheitspolitik und Kultur. Plattners Vermögen wird auf etliche Milliarden Euro geschätzt. Er ist verheiratet, hat zwei Kinder und wohnt in Altenbach im Odenwald.