Literatur Lust an Marken und Luxus

Ulm / Erik Lim 17.05.2018

Deutschland im Jahr 2017. Victor ist Ende 30, geschieden, Vater einer Tochter, die ab und zu bei ihm ein paar Tage in seinem gigantischen Haus im Taunus verbringt. Er ist Investmentbanker, Gesellschafter der Frankfurter Birken Bank, die auf Fusionen und Übernahmen spezialisiert ist. Victor ist gut in seinem Metier, er ist Multimillionär, deswegen aber trotzdem nicht glücklich.

Mit seiner Nachbarin, deren Mann mittlerweile lieber auf die Jagd geht, als sich um die Gattin zu kümmern, hat er ein Verhältnis. Er trinkt zu viel, im Adlon gerne mal eine Flasche Richebourg für 2400 Euro. Außerdem versucht er, einen Roman zu schreiben, was ihm jedoch nicht gelingt, weshalb er sich auf ein Manifest kapriziert, in dem er ­seine mal hellsichtige, mal zynische Vision einer veränderten Gesellschaft in der von ihm so genannten „Deutschland AG“ skizziert.

Aus Studientagen ist Victor eng befreundet mit Ali, den seine Arbeit als Bundestagsabgeordneter der Grünen langweilt und desillusioniert. Eher aus Spaß schickt Victor ihm seinen Entwurf. Bei dem, was daraus entsteht, kann man an Macron oder auch an Michel Houellebecqs Roman „Unterwerfung“ denken.

Alexander Schimmelbusch ist ein eminent scharfsinniger Autor, der selbst als Banker tätig war, was ihn möglicherweise zu folgender Formulierung veranlasst hat: „Der Lebensrhythmus des jungen Investmentbankers war der sogenannte magische Kreisverkehr: Er fuhr bei Sonnenaufgang mit dem Taxi nach Hause, ließ es warten, während er duschte, um sich dann wieder in die Bank fahren zu lassen.“

Außerdem bedient er auf spielerische Weise die Lust an Marken, an Luxus und Statussymbolen, wobei er sich gern den einen oder anderen Scherz genehmigt. So nennt er Victors E-Porsche „Shere Khan“ – nach dem Königstiger im „Dschungelbuch“ –, und einer texanischen Risikokapitalfirma verpasst er den wenig schmeichelhaften Namen „Cojones Capital“.

„Hochdeutschland“ von Alexander Schimmelbusch ist kluge und wie die Faust aufs Auge unserer gegenwärtigen Realität passende Unterhaltung.

Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel