Ulm Löwenmensch restauriert: Zweifelsfrei männlich

Ulm / HENNING PETERSHAGEN 14.11.2013
Der weltberühmte Löwenmensch wurde bei seiner jüngsten Restaurierung als männliches Wesen identifiziert - das älteste der Kunstgeschichte. Gestern wurde er in Ulm der Öffentlichkeit vorgestellt.

Dieses Plättchen darf als stilisiertes männliches Geschlechtsteil gedeutet werden.

Mit dieser Expertise der Restauratorinnen Nicole Ebinger-Rist und Sibylle Wolf sowie der Archäologen Claus-Joachim Kind und Kurt Wehrberger ist ein alter Streitpunkt um die Geschlechtszugehörigkeit des Löwenmenschen geklärt. Es geht um ein dreieckiges Plättchen im Schambereich der Figur, die zunächst als männlich, dann als weiblich gedeutet wurde - und jetzt eben wieder als männlich. Damit ist der Löwenmensch zwar nicht der älteste Mann in der Geschichte der Kunst, da er ein Mischwesen aus Mensch und Tier darstellt, aber immerhin das älteste männliche Wesen.

Die neuerliche Geschlechter-Zuordnung des Löwenmenschen ist freilich nicht das einzige Ergebnis seiner nunmehr vollendeten Restaurierung: Er ist auch tierischer geworden, kräftiger, hat breitere Schultern, benötigt keinen Plexiglas-Stift mehr, um zusammenzuhalten - und ist um 1,5 Zentimeter gewachsen: von 29,6 auf nunmehr 31,1 Zentimeter. Denn die etwa 40 000 Jahre alte Statuette aus Mammutelfenbein wurde um rund 80 weitere Bruchstücke ergänzt, die ihr Aussehen verändert haben.

Diese Restaurierung, die im Frühjahr 2012 in der Archäologischen Restaurierwerkstatt des baden-württembergischen Landesamts für Denkmalpflege in Esslingen begonnen hatte, war wohl die letzte Runde eines gigantischen 3-DPuzzles, das der Archäologe Joachim Hahn 1969 im Ulmer Museumsmagazin angefangen hatte.

Hahn hatte sich dort der rund 260 Fragmente einer eiszeitlichen Statuette angenommen, welche die Grabungsmannschaft des Tübinger Urgeschichtsforscher Robert Wetzel am 25. August 1939 im Hohlenstein-Stadel bei Asselfingen ausgegraben hatten - am letzten Tag der Grabung, die der Ausbruch des Zweiten Weltkrieges beendete. 200 der Teile konnte Hahn zu einer menschenähnlichen - männlichen - Figur zusammenfügen.

Durch unglaubliche Zufälle konnte die Figur 1982 weiter vervollständigt werden. Der Kopf einer Raubkatze, der auf einem menschenähnlichen Körper saß, zeichnete sich ab: Es handelte sich um die älteste Darstellung eines Mensch-Tier-Mischwesens.

1987 wurde die Figur wieder auseinandergenommen, professionell restauriert und zusammengesetzt. Ihr neues Aussehen bestätigte die Baseler Paläontologin Elisabeth Schmid in ihrer These, dass es sich um eine weibliche Figur handelte. Daraus entstand in den 1980er Jahren, als das Thema Frauen-Emanzipation die Gemüter hochgradig erhitzte, eine heftige Diskussion, der Kurt Wehrberger, Leiter der Archäologischen Abteilung im Ulmer Museum, entschärfte, indem er den Terminus "Löwenmensch" erfand.

Damit kehrte wieder Ruhe ein, bis ein weiterer unglaublicher Zufall die Fortsetzung des Puzzles ermöglichte: Da 1939 der Kriegsbeginn die Grabung beendete, schafften die Ausgräber damals den Aushub nicht mehr aus der Höhle, sondern ließen ihn drin, unweit der Fundstelle. Und als 2009 die Archäologen des Landesamts für Denkmalpflege unter Leitung von Claus-Joachim Kind den Hohlenstein-Stadel untersuchten, ob dort noch Fundschichten vorhanden seien, entdeckten sie weit im Innern kleine Elfenbein-Fragmente: Sie waren auf den Aushub der Grabung von 1939 gestoßen. Und darin fanden sie Bruchstücke des Löwenmenschen, die 1939 übersehen worden waren.

Am Ende der Grabung 2012 hatten Kind und seine Mannschaft rund 500 kleine und kleinste Teile gefunden, die mutmaßlich zum Löwenmenschen gehörten. Ein erster Versuch von Kind und Wehrberger, einige größere Stücke der Figur zuzuordnen, gelang. Es folgte die Restauration in Esslingen, die mit dem Zerlegen der Figur begann. Dabei wurden die Ergänzungen mit Wachs und anderem Material, die dem Löwenmenschen bei der vorigen Restaurierung eine gefällige glatte Oberfläche verliehen hatte, entfernt.

Etwa 80 der neu gefundenen und noch im Museum verwahrten Teile konnten dem Löwenmenschen hinzugefügt werden, so berichtete Restauratorin Nicole Ebinger-Rist gestern, bevor sie die frisch restaurierte Figur aus der gelben Speditions-Kiste packte und der Öffentlichkeit präsentierte. Zwar seien noch 150 weitere Teile vorhanden, von denen 20 ganz eindeutig ebenfalls zum Löwenmenschen gehörten. Doch die könnten nicht eingefügt werden, da keine Anschluss-Stellen vorhanden seien.

Damit kam sie auch zum Grund, warum der Löwenmensch in so viele Teile zerlegt ist. Das sei, wie die Untersuchungen ergeben haben, das Ergebnis jahrtausenderlanger Verwitterung und nicht das Ergebnis einer Zerstörung. Es war nämlich immer wieder vermutet worden, der Pickel eines Ausgräbers hätte die Figur atomisiert. Die Untersuchungen haben zudem gezeigt, dass das dreieckige Blättchen vor dem Schritt des Löwenmenschen "allseitig beschnitzt und vom Schambereich eindeutig abgesetzt" ist, wie die Expertise sagt.

Die Rückkehr wird gefeiert
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