Ausstellung Literaturarchiv Marbach: Deutsche in Paris

Bis zum 31. März 2019 steht das Literaturmuseum der Moderne in Marbach im Zeichen des Eiffelturms: „Die Erfindung von Paris“.
Bis zum 31. März 2019 steht das Literaturmuseum der Moderne in Marbach im Zeichen des Eiffelturms: „Die Erfindung von Paris“. © Foto: Fotograf: Wajan/Fotolia.com
Marbach / Bettina Wieselmann 15.06.2018

Einfach nur zu zeigen, wer wie Paris für sich erfunden hat, ist in diesen krisenhaften Zeiten nicht genug. „Die Weltlage gibt der Ausstellung Luft unter die Flügel“, erwartet Ulrich Raulff, der zum Jahresende scheidende Direktor des Marbacher Literaturarchivs. Positive Folgen erhofft sich auch Frankreichs Botschafterin Anne-Marie Descôtes, die zur Eröffnung der „wirklich eindrucksvollen, tollen“ Ausstellung „Die Erfindung von Paris“ angereist war: „In dieser Stadt können wir ganz Europa entdecken.“ Spürbar sei bis heute der Geist, wo sich Literatur und Kunst begegneten.

„Aus diesem Geist ist die Europäische Union entstanden, es gilt sie zu verteidigen“, forderte die Germanistin unter starkem Beifall. Paris, der Sehnsuchtsort, Mythos, Hauptstadt des 19. Jahrhunderts, vor allem im frühen 20. Jahrhundert Epizentrum der Künste, Labor der Moderne: Aus der überwältigenden Fülle der Paris-Bezüge deutschsprachiger Autoren im Marbacher Archiv (und mit Leihgaben) haben Ellen Strittmatter und Susanna Brogi eine Stadtreise der besonderen Art im Literaturmuseum der Moderne eingerichtet. Mit dem „Stadtplan“ in der Hand kann man sich auf den sternförmig angelegten „Straßen“, die von lichtdurchlässigen hängenden Wänden begrenzt werden, von Vitrine zu Vitrine treiben lassen.

Die erste ist natürlich Heinrich Heine gewidmet, dem ersten großen deutschen Erfinder von Paris, der sich 1831, von der Zensur verfolgt, in die „Zauberstadt“ mit dem Schiff im Wappen rettete. Dem dort begrabenen Dichter war sie 25 Jahre lang nichts weniger als der Mittelpunkt der „civilisierten Welt.“  Rainer Maria Rilke, der 1902 in die „schreckliche und schwere“ Stadt kam, tat sich zunächst schwer: „Die Stadt war wider mich.“ Aber prägend für ein neues Sehen und Schreiben, wie es in seinen „Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge“ nachzulesen ist. Berührend sein berühmtes Gedicht-Manuskript von 1906 „Das Carrussel“.

Der „weiße Elefant“ drehe noch immer seine Runden im Jardin du Luxembourg, wusste der profunde Frankreich-Kenner Ulrich Wickert bei der Eröffnung zu berichten, nur sei er etwas grau geworden. Aufs pralle Leben stieß Kurt Tucholsky, der 1924 nicht nur für die „Weltbühne“ und die „Vossische Zeitung“ aus Frankreichs Metropole schreibt, sondern auch seiner Geliebten Mary Gerold berichtet: „Da stand eine Dame mit Bombenbusen, zwei Kanonenkugeln groß.“ Ob Siegfried Kracauer oder Walter Benjamin, Franz und Helen Hessel, Joseph Roth oder Peter Handke: Der je eigene Blick auf Paris anhand von Schriftstücken, Notizbüchern, Stadtskizzen, Postkarten und Fotos zieht den Betrachter in den Bann. Parallel lassen einen die Schwarz-weiß-Aufnahmen berühmter Fotografen wie Yvon, Georg Stefan Troller oder Barbara Klemm eintauchen in den Sehnsuchtsort Paris.

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