In den 80er Jahren waren das Glockenbach- und das Gärtnerplatzviertel in der Münchner Isarvorstadt eine wilde Gegend, die Schwulen- und Lesbenszene tobte sich aus – Freddie Mercury lebte dort und feierte legendäre Partys. Heute wohnt man dort luxussaniert zwischen „Barbershops und Latte-Wohlfühlinseln“.

Kneipen und Clubs ohne Ende – aber auch, in der Kolosseumstraße, der bestens sortierte Optimal-Plattenladen mit Büchertischen. Der Münchner Anwalt und Schriftsteller Georg M. Oswald, der sich als Student schon in der Gegend herumtrieb, gehört zu den Kunden von Christos – der Laden spielt jetzt auch eine Rolle in seinem neuen Roman „Vorleben“. Die Journalistin Sophia kauft dort einen „Reiseführer für Eingeborene“, weil sie sich kundig machen will über das Schickimicki-Kiez – sie stößt auf die Geschichte einer Nadja Perlmann, die als Nackttänzerin in der Schillerstraße arbeitete und 1989 spurlos verschwand.

Sophia recherchiert keine Story für ein Boulevardblatt, sondern – so heißt ja der Titel des Romans – das Vorleben ihres Freundes Daniel. Weshalb? Weil sie ihr Glück nicht fassen kann – der banale Antrieb des Teuflischen in einer braven Seele.

Sophia hat keine Ahnung von klassischer Musik

Daniel, 48, ist nämlich ein berühmter Cellist und Musiker des Staatlichen Symphonieorchesters in München – den Namen freilich gibt es nicht, es gibt das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks, das Bayerische Staatsorchester oder die Münchner Philharmoniker, aber ansonsten spielt Oswald natürlich mit Lokalkolorit, obwohl er keinen regelrechten München-Roman geschrieben hat. Die zehn Jahre jüngere Sophia aus Berlin, weit weniger erfolgreich, also hat den Auftrag, fürs Jahrbuch des Orchesters eine Backstage-Geschichte zu schreiben, aber eigentlich keine Ahnung von klassischer Musik.

Ein Treffen mit Daniel – und sie verlieben sich. Daniel wohnt in einem Jugendstil-Altbau in der Hans-Sachs-Straße, ist mit den Promis der Stadt befreundet und vergöttert Sophia. Sie zieht bei ihm ein, er versorgt sie, glaubt an sie – sie soll einen Roman schreiben.  Aber so einfach ist das Leben nicht. Sophia beginnt ihre Beziehung zu zerstören, weil sie Daniels Vergangenheit erkundet. Ja, die Handlung ist absehbar, aber es ist gediegene Unterhaltung aus München.