Lesen in Zeiten der Pandemie? Da fallen einem natürlich Boccaccios „Decamerone“ ein – oder Albert Camus’ „Die Pest“. Der 1947 erschienene Roman des Nobelpreisträgers sei derzeit aber gar nicht lieferbar, sagt der Langenauer Buchhändler Thomas Mahr, der am Dienstag in seiner Buchhandlung in der Langen Straße erreichbar war.

Corona-Pandemie bedroht Existenz des Buchhandels

„Ich habe genau verfolgt, was Angela Merkel in ihrer großen Rede an Einschränkungen verkündet hat.“ Und Mahrs Laden fällt unter die Ausnahmeregelung: „Ich verkaufe ja auch Tageszeitungen. Solche Verkaufsstellen sind von der Schließung nicht betroffen – zumindest bislang nicht“, sagt Mahr, dessen Buchhandlung seit Jahren zu den Top-Adressen des Deutschen Buchhandlungspreises zählt.

Er sieht die Lage ernst: „Die Corona-Pandemie bedroht unsere Existenz. Die Kosten wie Mieten, Zinsen und Löhne laufen weiter. Wer schließen muss, hat aber keine Einnahmen.“ Das Problem, das er zusätzlich sieht: „Es geht nicht nur um die Buchhandlungen, die das vielleicht nicht überstehen, es geht auch um die Grossisten. Wenn die pleite gehen, dann ist es vorbei damit, ein Buch über Nacht geliefert zu bekommen.“ Denn eines sei sicher: „Wenn im Kulturbereich einmal ein Motor abgestellt ist, dann ist es unglaublich schwer, ihn wieder zum Laufen zu bringen.“

Tipp: „Der Sommer, in dem Einstein verschwand“

Apropos Markt und Wirtschaft: Die beleuchtet auch Mahrs erster Lesetipp: Thomas Pikettys „Kapital und Ideologie“ (Beck, 1312 Seiten, 39.95 Euro). „Wer jetzt die Zeit hat, kann eintauchen in die umfangreichste Sozialgeschichte unseres kapitalistischen Systems. Der konservative französische Wirtschaftswissenschaftler erklärt in seinem Buch, wie die Reichen im Hyperkapitalismus den gesellschaftlichen Konsens aufgelöst haben.“

Mahrs zweiter Tipp: Marie Hermansons „Der Sommer, in dem Einstein verschwand“ (Insel, 371 Seiten, 22 Euro). Der amüsante Roman stützt sich auf eine wahre Begebenheit. Albert Einstein reiste 1923 nach Schweden, um den Nobelpreis in Empfang zu nehmen. Er war auch auf die Weltausstellung in Göteborg eingeladen worden, tauchte dort aber erst zwei Tage später auf. Gab es etwa ein Mordkomplott gegen den Intellektuellen? „Bis heute wird darüber spekuliert, und Marie Hermanson schildert darin eine schillernde schwedischen Großstadt der Zwanziger Jahre“, sagt Mahr.

Nochmals Geschichte: Dirk Stermanns „Der Hammer“ (Rowohlt, 448 Seiten, 24 Euro). „Solch einen außergewöhnlichen historischen Roman hätte man dem Kabarettisten und Fernsehmoderator Dirk Stermann nicht zugetraut. Historisch bestens recherchiert und doch unterhaltsam erzählt der Autor vom abenteuerlichen Leben des Freiherrn Joseph von Hammer-Purgstall, der als Diplomat und Orientalist Goethe zu seinem ,West-östlichen Divan’ anregte.“

Amazon als Profiteur der Krise

Auch Samy Wiltschek von der Ulmer Kulturbuchhandlung Jastram war am Dienstagvormittag noch in seinem Laden anzutreffen: „Noch liegt uns nichts Offizielles vor. Zudem verkaufe ich auch Tageszeitungen.“ Er sieht wie Mahr das ganze System in Gefahr: „Wenn die Grossisten weg sind, dann profitieren davon die Online-Händler“, sagt Wiltschek. Und die haben ihre Chance schon längst gewittert: Er habe gerade eben mit einem Vertreter des Fischer-Verlags telefoniert. „Der hat mir erzählt, dass Amazon alle Bestände aufkauft, seine Lager bis unters Dach füllt.“

Auch wenn er das Wort Kriegsgewinnler nicht ausspricht: „Das ist eben die Marktwirtschaft“, sagt Wiltschek und meint damit den Turbokapitalismus. Wie der funktioniert und welche Auswüchse das weltweit hat, beschreibt Maja Göpels „Unsere Welt neu denken“ (Ullstein, 208 Seiten, 17.99 Euro) „Das ist ebenso frech wie fundiert geschrieben: einfach, präzise und unterhaltsam“, sagt Wiltschek. Und entlarvend.

Empfehlung: „Nach vorn, nach Süden“

Wiltscheks zweiter Tipp ist Sarah Jägers „Nach vorn, nach Süden“ (Rowohlt, 224 Seiten, 18 Euro), das der Buchhändler eben erst zu Ende gelesen hat. „Das ist ein wunderbar freches Roadmovie, vom Norden quer durch die Republik, mit einer Punkband, deren Mitglieder um die 60 sind.“ Mit deren Bus sind die Protagonisten unterwegs und landen schließlich – in Ulm.

Und Tipp drei? „Das sind eigentlich zwei Bücher von Elizabeth Strout, sagt Wiltschek:  „Mit Blick aufs Meer“ (btb, 351 Seiten, 10 Euro) und „Die langen Abende“ (Luchterhand, 352 Seiten, 20 Euro). Die Pulitzer-Preisträgerin schildert darin das Leben von Olive Kitteridge. „Als Schwabe würde man diese Frau ,sehr rääs’ nennen“, sagt Wiltschek. „Aber diese Olive hat ein sehr großes Herz.“ Verfilmt wurde das erste Buch auch schon – mit Oscar-Preisträgerin Frances McDormand und Oscar-Kandidat Richard Jenkins.

Rasmus Schöll: „Wir brauchen jetzt Solidarität“

Aegis-Inhaber Rasmus Schöll blickt düster in die Zukunft: „Was gerade passiert, ist ganz übel. Die Corona-Krise macht die Kleinen kaputt. Die Kapitalstarken rollen dann den Markt auf. Was bleibt, sind Monopolisten, die den Markt beherrschen – etwa ein Online-Riese, der die Verlage erpressen kann. Wir brauchen jetzt Solidarität“, sagt Buchhändler Schöll, die man aus Nino Haratischwilis „Das achte Leben“ (Ullstein, 1279 Seiten, 18 Euro) lernen kann. Schölls zweiter Tipp ist im eigenen Verlag Topalian & Milani erschienen: Stefan Zweigs „Buchmendel & Die unsichtbare Sammlung“ (134 Seiten, 23 Euro). Vor allem die Novelle „Buchmendel“ zeige, welche Folgen eine Krise haben kann.

Und auch Schölls dritter Tipp hat einen aktuellen Bezug: „Eine gute Ökonomie für harte Zeiten“ von den Wirtschafts-Nobelpreisträgern Esther Duflo und Abhijit V. Banerjee (Penguin, 560 Seitem, 26 Euro): „Eine ideologiefreie Analyse, was derzeit alles schiefläuft.“

Wo es die Bücher gibt


Thomas Mahr geht davon aus, dass sein Buchladen in Langenau geöffnet bleibt. Ansonsten verweist er auf seine Telefonnummer (07345/21184) und seine Homepage www.buchhandlung-mahr.de Die von Thomas Mahr organisierten „Langenauer Lesungen“ sind bis auf jene am 22. April, 20 Uhr,  abgesagt: Dann stellt Michael Kumpfmüller seinen Roman „Ach, Virginia“ im Kulturbahnhof Langenau vor.

Samy Wiltschek wird, auch wenn seine Buchhandlung geschlossen wird, mindestens vormittags im Laden sein, um telefonische Bestellungen anzunehmen. Abholen kann man die bestellten Bücher dann im Söflinger Bioladen „Erdapfel“ (Schlösslesgasse 10).

Rasmus Schöll nimmt ebenfalls telefonische Bestellungen entgegen, die im gegenüber liegenden Café Largo (Breite Gasse 5), im Laden „Gutes von hier“ (Herrenkellergasse 9) oder im Bioladen „Nahrhaftig“  (Saarlandstraße 115) abgeholt werden können. hep