Roman Lisa Halliday: Von Liebe, Kontrolle und Bedeutung

: Asymmetrie. Übersetzt von Stefanie Jacobs. Hanser, 320 Seiten, 23 Euro.
: Asymmetrie. Übersetzt von Stefanie Jacobs. Hanser, 320 Seiten, 23 Euro. © Foto: Lisa Halliday
Erik Lim 25.08.2018

Philip Roth hat darunter gelitten, nie den Nobelpreis für Literatur erhalten zu haben. Im Mai ist der große amerikanische Erzähler gestorben. Eine ihm in Teilen nachempfundene Figur namens Ezra Blazer hat den Nobelpreis im Jahr 2010 bekommen – im Roman „Asymmetrie“. Geschrieben hat dieses merkwürdige und verblüffende Buch die in Mailand lebende US-Amerikanerin Lisa Halliday. Als Mitarbeiterin der Literaturagentur Wylie hatte sie mit vielen Autoren zu tun, mit Roth hatte sie gar über Jahre hinweg eine Beziehung.

Die beginnt im Roman mit dem Satz „Also gut, Miss Alice. Sind Sie dabei?“. Und Alice, das Alter Ego der Autorin, ist dabei. Die Erzählung folgt nun diesem ungleichen Paar – sie ist Mitte 20, er Anfang 70 – im ersten, mit „Verrücktheit“ überschriebenen Teil; zeigt, wie Ezra Blazer seiner jungen Geliebten Kultur vermittelt, ihr Geschenke macht, mit ihr isst und trinkt, wie sie Sex haben. Es ist ein von Ritualen und Gewohnheiten dominiertes Leben. Blazer hält Alice aus der Öffentlichkeit größtenteils heraus, möchte keinen Tratsch.

Halliday beschreibt die Enttäuschungen, wenn 2003 und 2004 Andere den erhofften Preis erhalten, zählt Blazers Leiden und Schmerzen auf, lässt das Paar trotz unterschiedlicher Lieblingsvereine gemeinsam Baseball im Fernsehen schauen. Dass Alice selbst literarische Ambitionen hat, nimmt ihr Liebhaber zur Kenntnis, bestärkt sie in ihrem Tun. Sie selbst fragt sich an einer Stelle, was außer ihrem eigenen Leben denn Stoff für einen Text hergeben könnte, und „ob ein ehemaliges Chormädchen aus Massachusetts wohl in der Lage wäre, sich in die Gedankenwelt eines männlichen Muslims hineinzuversetzen“.

Von Alltag zu Absurdität

„Wahnsinn“, der zweite Teil des Romans, hat nichts erkennbar gemeinsam mit dem ersten. Er handelt von einem Muslim mit irakischem und amerikanischem Pass, der in Heathrow festgehalten wird, obwohl er nur kurz in London Station machen möchte, um dann über Istanbul weiter in den Irak zu reisen. Dort will er mit Freunden und Familie seinen verschwundenen Bruder suchen. Das ist brillant geschrieben, zeigt die ganze weltpolitisch verworrene Lage, die Paranoia der Handelnden, die Willkür der Sicherheitsleute und die Absurdität ihrer Verhörfragen. Das ganze Ausgeliefertsein des Amar Ala Jaafari, dem sein Status als US-Doktorand der Wirtschaftswissenschaften in dieser Situation nichts nützt.

Amar nutzt die Zeit, um über sein Leben nachzudenken. Und der Leser fragt sich: Wie wahrhaftig kann dieser Teil des Romans sein? War die Autorin, war Lisa Halliday, in Kurdistan, kennt sie die Details? Darf Literatur sich diese andere, möglicherweise fremde Lebensweise aneignen? Ja, sie darf, denn es ist Literatur. Oder, wie Ezra Blazer an einer Stelle sagt: „Wenn etwas gut gemacht ist, gewinnt es ganz von allein Bedeutung.“

Der abschließende Teil ist ein Radiointerview mit Ezra Blazer, in welchem er über seine Liebe zur Musik spricht und somit hauptsächlich über sich. In gewisser Weise Tratsch. Das Buch endet mit Blazers Frage an die Moderatorin: „Was sagen Sie dazu, Miss? Sind Sie dabei?“

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