Stuttgart „Schwieriges Erbe“ Museum erfasst Bestände aus Kolonialzeit

Das Linden-Museum in Stuttgart. Foto: Sina Schuldt/Archiv
Das Linden-Museum in Stuttgart. Foto: Sina Schuldt/Archiv © Foto: Sina Schuldt
Stuttgart / DPA 08.06.2018

Als eines der ersten Völkerkundemuseen bundesweit hat das Linden-Museum in Stuttgart einen Teil seiner Bestände auf ihre genauere Herkunft überprüft. Im Fokus standen Objekte aus den früheren Kolonialgebieten im heutigen Namibia, Kamerun und des Bismarck-Archipels, das zu Papua-Neuguinea gehört.

Dabei kam heraus, dass insbesondere aus Namibia und Kamerun ein Großteil der Sammlungsbestände über das Militär und so vermutlich unrechtmäßig nach Deutschland gelangte. Direktorin Inés de Castro sagte am Freitag bei der Vorstellung der Ergebnisse des zweijährigen Forschungsprojekts, dazu könne etwa Schmuck gehören, der seinen toten Besitzern nach militärischen Auseinandersetzungen abgenommen wurde.

Die Ergebnisse der Herkunftsforschung sollen in Datenbanken, im Internet und im Falle von Kamerun und Namibia auch in einer neuen Dauerausstellung von März 2019 an präsentiert werden. Damit will das Museum Transparenz herstellen - vor allem auch für die Länder, aus denen die Gegenstände ursprünglich kommen. Ob bestimmte Kulturgüter irgendwann zurückgegeben werden, ist noch offen. Dies solle vor allem auch zusammen mit den Herkunftsländern diskutiert werden. Für de Castro ist die grundsätzliche Frage der Restitution (Rückerstattung) aber auch eine, die zunächst politisch entschieden werden muss.

Bislang sei das Linden-Museum kaum mit Rückforderungen konfrontiert. De Castro sprach von zwei menschlichen Schädeln sowie heiligen Objekten aus Australien, bei denen Rückforderungen im Raum stehen.

Der Sammlungsbestand des Linden-Museums umfasst nach Angaben eines Sprechers insgesamt 160 000 Objekte. Davon kommen rund 25 400 aus Namibia, Kamerun und vom Bismarck-Archipel. Das Forschungsprojekt zu diesen drei Regionen unter dem Titel „Schwieriges Erbe“ wurde zusammen mit der Universität Tübingen verwirklicht. Dafür standen staatliche Mittel in Höhe von rund 220 000 Euro bereit.

Thomas Thiemeyer von der Universität Tübingen gehörte zu den Initiatoren des Forschungsprojektes. Er sagt: „Wo man klares Unrecht feststellt und weiß, die Dinge sind unter Zwang, Raub und Mord mitgenommen worden, muss man über Restitution reden.“ Bei einem Großteil der Gegenstände sei die Historie aber gar nicht so klar. Zudem gebe es in Völkerkundemuseen zu 90 Prozent Dinge, die Alltagskultur seien, wie Schuhe, Bastkörbe und Hüte. „Die will keiner zurückhaben. Es ist auch nicht anzunehmen, dass die jemandem abgenommen wurden“, sagte Thiemeyer. „Das waren Alltagsgegenstände, die es in den Ländern gab und die jemand mitgenommen hat.“

Das Deutsche Kaiserreich gehörte zu den großen Kolonialmächten Europas. In ihrem Vorgehen hätten sich die Kolonialherren der verschiedenen Länder in den gewalttätigen Extremformen kaum voneinander unterschieden, sagte Thiemeyer. Als unrümliches Beispiel gilt etwa das Vorgehen in der Kolonie Deutsch-Südwestafrika gegen die Volksgruppen der Herero und Nama von 1904 bis 1908. Historiker sehen darin den ersten Völkermord des 20. Jahrhunderts.

Linden-Museum

Themen in diesem Artikel
Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel