Klassisch Lili Boulangers Chorwerke mit Michael Alber

Ulm / Burkhard Schäfer 12.06.2018

Vor 100 Jahren starb mit Lili Boulanger eine der talentiertesten und faszinierendsten Komponistinnen des frühen 20. Jahrhunderts. Als erste Frau überhaupt gewann sie 1913 den „Grand Prix de Rome“, einen der seinerzeit bedeutendsten Musikpreise. Dieser machte sie über Nacht berühmt, heute kennt man ihre Werke kaum noch, vor allem nicht in Deutschland. Die jetzt bei Carus (Vertrieb: Note 1) erschienene CD „Hymne au Soleil“, auf der erstmals ihre gesamten Chorwerke zu hören sind, könnte und sollte das hoffentlich ändern. Was das Orpheus Vokalensemble und der Pianist Antonii Baryshevskyi unter der Leitung von Michael Alber (ehemals Leiter des Stuttgarter Staatsopernchors) hier präsentieren, ist grandios. Diese Werke gehören zum Besten, was das Genre zu bieten hat, zumal wenn sie so betörend dargeboten werden wie auf dieser starken Scheibe.

Wo würden Sie Lili Boulangers Musik stilistisch verorten?

Michael Alber: Mit Debussy und Ravel zählt sie zu den wichtigsten Vertretern des französischen Impressionismus. Gekonnt setzte sie die musikalischen Stilmittel ihrer Zeit ein: Polytonalität, Mixtur-Klänge, modale und Ganztonskalen. Naturlyrik inspirierte sie zu musikalischen Aquarellen: das zarte Murmeln einer Quelle („La source“), das Rascheln der Blätter („Sous Bois“) oder die Lichtstimmung und die Düfte eines Sommerabends auf dem Lande („Soir sur la plaine“). Die Möglichkeiten der Stimmen und des Klaviers werden dabei in allen Klangfarben ausgekostet.

Wie haben Sie die Werke für sich und das Orpheus Vokalensemble entdeckt?

Schon in meinen Studententagen kam ich in Berührung mit einigen dieser Chorwerke. Eine Gesamtaufnahme davon gab es bis heute nicht. Um die Musik aufzuführen, benötigt man ausgezeichnete Sänger, die die komplexen harmonischen Wendungen und feinsten klanglichen Nuancen stimmlich adäquat umsetzen können, und einen talentierten Pianisten. Die solistischen Passagen sind ebenfalls äußerst anspruchsvoll.

Was berührt Sie in Zusammenhang mit Lili Boulanger besonders?

Sie litt schon in jungen Jahren an ihrer Erkrankung und wusste früh von ihrem nahenden Tod. Mich faszinieren und erstaunen ihre so unterschiedlichen Stücke wie „Soir sur la pleine“, ein musikalisches Aquarell, oder das ernste „Pour les Funerailles“, eine Anklage gegen das sinnlose Morden im Ersten Weltkrieg, den sie erlebte. Berührend finde ich auch den Psalm 24, der in seiner archaischen Deklamation Strawinsky inspirierte.

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