Leonard Cohens Stehblues für eine sarkastische Welt

UDO EBERL 30.01.2012

Es gibt Künstler, die starten grundsätzlich außer Konkurrenz: So ist das auch mit Leonard Cohen, der mit "Old Ideas" (Columbia Records) sein nunmehr zwölftes Studioalbum veröffentlicht, auf das die Fans acht Jahre warten mussten. Eine erträgliche Phase, schließlich war der große Lyriker unter den Sängern in dieser Zeit gleich zweimal auf großer Welttournee und stellte unter Beweis, wie charismatisch und tänzelnd man im vermeintlichen Greisenalter noch performen kann.

Ganz so vital beginnt "Old Ideas" nicht. Über Keyboardflächen und vokalistisch gestützt von Backgroundsängerinnen wie Dana Glover und Sharon Robinson referiert der Meister mit einer berührend tiefen Stimme. Diese wird selbst einem Tom Waits wohl mehr als eine Verneigung abverlangen. Cohens "Amen" wird im Longsong-Format keineswegs zum sonoren Stoßgebet, sondern zum Stehblues für eine sarkastische Welt, die nur mit echter Liebe zu ertragen ist.

Der 77-jährige Songwriter und Dichter, dem im Oktober des vergangenen Jahres mit dem "Prinz von Asturien" der wichtigste spanische Literaturpreis verliehen wurde, kann aber auch anders. In "The Darkness" verliert man sich mit ihm in einem schwarzen Blues, und "Anyhow" punktet mit ironischem Augenzwinkern. Ungeschminkt, direkt und nun mit Cohen als Sänger und nicht nur als Sprecher wird das allein mit einer akustischen Gitarre auskommende "Crazy To Love You" zu einem der Höhepunkte.

Hits wie "Hallelujah" oder "Suzanne" sucht man vergeblich. Mit solchen war auch nicht zu rechnen, doch "Come Healing" beweist, dass Cohen über Hammond-Orgel und engelsgleichem Chor noch immer für so manche Gänsehaut gut ist. Bisweilen hätte man dem Altmeister einen Produzent wie Rick Rubin ins Studio gewünscht, der den aufkeimenden Hang zu überbordendem Musikkitsch und Alleinunterhalter-Sounds unterbunden hätte, doch "Old Ideas" packt trotz so mancher Schwäche zu.

Zu stark sind die Texte, zu präsent die Stimme. Leonard Cohen jammert nicht mehr, und wenn, dann wie er sich das selbst als Ziel gesteckt hat: "stets innerhalb der strikten Regeln der Würde und Schönheit".