Musiker Leonard Bernstein: Glück und Pathos

Leonard Bernstein, Anfang der 60er Jahre in der Salle Pleyel in Paris.
Leonard Bernstein, Anfang der 60er Jahre in der Salle Pleyel in Paris. © Foto: Daniel Frasnay/akg-images
Ulm / Jürgen Kanold 24.08.2018

Solche Drehbücher schreibt eigentlich nur Hollywood. Aber dem vor 100 Jahren geborenen Leonard Bernstein gelang tatsächlich über Nacht der Aufstieg vom Nobody zum Top-Star, und zwar live in der New Yorker Carnegie Hall und vor einem Millionenpublikum an den Radiogeräten.

Es ist der 14. November 1943, als dem jungen Dirigenten ein Zufall zu Hilfe kommt: Bruno Walter soll an einem Sonntagnachmittag ein Konzert der New York Philharmonic leiten, aber der Altmeister fühlt sich mit einem grippalen Infekt unwohl, und Chefdirigent Artur Rodzinski sitzt in einem eingeschneiten Haus weit außerhalb der Stadt fest. So muss der Assistent ran, der 25-jährige Bernstein, ein Riesentalent. Pianist, Dirigent, Komponist: Der Sohn jüdischer Einwanderer aus Russland, der in Harvard studierte, der am Curtis Institute bei Fritz Reiner in die Lehre ging und in Tanglewood ein Schützling Serge Koussevitzkys ist, wird morgens um 8 vom Manager nach durchzechter Nacht aus dem Schlaf gerissen – um 15 Uhr beginnt das Konzert mit einem anspruchsvollen Programm, darunter „Don Quixote“ von Richard Strauss. Und die Nationalhymne wird gespielt, denn es ist Krieg.

Der kleine, schlanke Mann im Zweireiher (einen Frack hat er nicht) debütiert mit Verve. Die Musiker helfen ihm, alles gelingt mitreißend, nach dem Konzert jubelt auch das Orchester. Schon am anderen Morgen steht eine Kritik auf der ersten Seite der „New York Times“: „Mr. Bernstein muss so etwas wie ein Genie sein, dass er diese Gelegenheit voll nutzen konnte.“ So beginnen Weltkarrieren. Es war eine Erfolgsstory, die sehr gut zu einem Amerika passte, das sich im Krieg nach Helden sehnte. „Ehrlich gesagt, ist mir in meinem ganzen Leben noch niemand begegnet, der mehr Glück gehabt hätte als Leonard Bernstein!“ – das sagte er selbst. Der Einspringer war dann später auch der erste amerikanische Chefdirigent der New Yorker Philharmoniker.

Leidenschaft, Pathos, Optimismus, Suggestionskraft – da ist er schon, der ganze Bernstein. Ein Medienstar war er, der sein Publikum um den kleinen Finger wickeln konnte. Und er hatte  Selbst- und Sendungsbewusstsein: Mit Mitte 20 schon litt er unter einem Lungenemphysem. Jede Warnung der Ärzte schlug er in den Wind: „Ich habe sie alle Lügen gestraft. Ich rauche, ich trinke, ich bleibe die ganze Nacht auf und vögele herum. Ich kämpfe an allen Fronten, und das gleichzeitig.“ Das gab der 65-Jährige zu Protokoll – vier Jahre später, am 14. Oktober 1990, starb er in New York City.

Extrovertiertheit und Genusssucht, ausgelebte Körperlichkeit (sexuell und exzessiv in Bezug auf Frauen und Männer), Distanzlosigkeit, auch das waren „Lennys“ Eigenschaften, wie sie Sven Oliver Müller in seiner aktuellen Biografie „Leonard Bernstein – Der Charismatiker“ aufzählt und analysiert. Er war zudem ein „disziplinierter Rebell“, ein politisch engagierter Musiker, der für John F. Kennedy Wahlkampf machte – und später mit Helmut Schmidt befreundet war.

Dazu kommt die menschen­umarmende Freiheitsliebe. Bernstein, der sich als Komponist etwa in seinen Sinfonien „Jeremiah“ und „Kaddish“ mit dem jüdischen Glauben auseinandersetzte, dirigierte 1948 im Auffanglager Feldafing vor 5000 „Displaced Persons“ ein Konzert, das er niemals mehr vergaß. Denn da spielten Musiker mit, die den Holocaust überlebt hatten und ihm zur Erinnerung die Lageruniform eines KZ-Häftlings schenkten.

Bernstein leitete im Dezember 1989 außerdem zwei völkerversöhnende Konzerte nach dem Fall der Mauer in Berlin. Ein Orchester mit Musikern aus Ost und West führte natürlich Beethovens „Neunte“ auf, nur dass Leonard Bernstein im hymnischen Schlusschor ein Wort verändert hatte: „Freiheit“ statt „Freude, schöner Götterfunken“.

All diese musikalisch-menschliche Maßlosigkeit, Intellekt, gepaart mit Gefühlsüberschwang – das mag auch der Grund sein, dass Bernstein ein legendärer Interpret der Sinfonien Gustav Mahlers war. Und er dirigierte derart aufwühlend und auch sichtbar emotional, dass man gelegentlich von Kontrollverlust sprechen konnte. Er gab alles – auch weil er besessen davon war, die ganze Menschheit mit Musik zu beglücken. Bernstein hatte ein ausgesprochenes Talent zur Kommunikation: Mit seinen „Young People’s Concerts“ erreichte er übers Fernsehen rund 100 Millionen Menschen.

Dabei hat der als Komponist oft unterschätzte, aber doch sehr produktive Leonard Bernstein allein mit einem einzigen Werk schon seinen Weltrum für alle Zeit gesichert: mit dem 1957 uraufgeführten Musical „West Side Story“, der großen amerikanischen Oper nach Shakespeares „Romeo und Julia“. 1984 spielte er sein Werk selbst für die Deutsche Grammophon ein, mit José Carreras als Tony und Kiri Te Kanawa als Maria – unvergesslich. Und der Film über die Arbeit im Aufnahmestudio, das Making-of, hat nun auch herzzerreißende Hollywood-Qualität.

Neue Biografie über den Charismatiker

Buch Der vor 100 Jahren, am 25. August 1918, in Lawrence, Massachusetts, geborene Leonard Bernstein war ein Medienstar der klassischen Musik. Lange vor dem Zeitalter von Twitter, Instagram oder Facebook erreichte er mit seiner Fähigkeit zur Selbstinszenierung ein Millionenpublikum. Auch das ist ein großes Thema der aktuellen Biografie „Leonard Bernstein – Der Charismatiker“ des Tübinger Historikers Sven Oliver Müller, erschienen bei Reclam (302 Seiten, 28 Euro). Müller untersucht in zehn Kapiteln alle Facetten dieser Ausnahmepersönlichkeit, vom Dirigenten bis zum Gefühlsmenschen, Pädagogen und Politiker, und konstatiert: „Die Grenzen vom Brillanten und Großartigen hin zum Peinlichen und Grotesken waren fließend.“

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