München/Bordeaux Leiser Witz und tiefe Melancholie

Seit mehr als 50 Jahren zeichnet Sempé Geschichten. Foto: dpa
Seit mehr als 50 Jahren zeichnet Sempé Geschichten. Foto: dpa
RIEKE C. HARMSEN, EPD 16.08.2012
Seine Bücher wurden in 25 Sprachen übersetzt, der "Kleine Nick" ist weltberühmt: Nun wird Jean-Jacques Sempé am Freitag 80 Jahre alt.

Sein Leben begann als "schönstes Baby von Bordeaux": Bei einem Schönheitswettbewerb gewann er einen Preis - als dickes Kind mit hellblauen Augen und blonden Haaren. "Ich sah aus wie ein käseweißes Michelin-Männchen, fett und weich - scheußlich", erzählt Jean-Jacques Sempé. Seine Kindheit schildert er als "nicht übertrieben heiter", sondern "ziemlich grauenvoll und auch ein wenig tragisch". Der Stiefvater trinkt, die Mutter prügelt, weil das Geld nicht reicht, muss die Familie dauernd umziehen. Mit dem Zeichenstift erfindet sich Jean-Jacques eine eigene Welt. Damit wird er weltberühmt. Heute wird Sempé 80 Jahre alt.

"Mensch zu sein, braucht sehr viel Tapferkeit", sagt Sempé in einem Interview, das in dem neuen Buch "Kindheiten" im Diogenes-Verlag nachzulesen ist. Der großformatige Band ermöglicht einen Einblick in das Leben des Zeichners, der von sich selbst behauptet, dass er "immer glückliche Menschen zeichnen wollte", und doch selbst eine Jugend hatte, die alles andere als glücklich war.

Jean-Jacques Sempé fliegt mit 17 Jahren von der Schule. Fünf Jahre arbeitet er als Assistent eines Weinhändlers, träumt von einer Karriere als Jazzpianist und Fußballprofi. Um seiner Familie zu entfliehen, meldet er sich freiwillig zur Armee. Mit 19 Jahren zieht er nach Paris und beginnt mühsam eine Karriere als Pressezeichner. Dann begegnet er dem sieben Jahre älteren Texter René Goscinny und entwickelt mit dem die Serie "Der kleine Nick", die 1959 erscheint und weit über Frankreich hinaus bekannt wird.

Das erste Buch, das 1962 in den Editions Denoël erscheint, wird zum Publikumsrenner. Es folgen Aufträge für Zeitschriften und Magazine wie Paris Match, Punch, Marie Claire, dann erste Titelbilder für den New Yorker, für den Sempé ab 1978 arbeitet und mehr als 100 Cover und Illustrationen zeichnet.

Es sind die Kinder, die Sempé faszinieren. Er fühlt mit ihnen, er empfindet Angst, Scham, Wut und Zweifel und findet darauf ganz eigene, oft subversive, immer aber sehr humorvolle Antworten. Eine Mutter beugt sich über ihren Sohn und droht diesem Prügel an. Der Sohn tut, als blicke er betreten zum Boden. Aber über seinem Kopf schwebt eine Blase, in der er der Mutter die Zunge herausstreckt.

Sempé zeichnet Kinder und Greise, Großstädte und Landschaften, Rennfahrer und Musiker. Oft sind es die Verschiebungen in den Relationen, die die Komik ausmachen: Kleine Tänzerin in einem riesigen Barocksaal, monströse Gattin mit dürrem Ehemann, winziges Auto vor prächtiger Landschaft. Oder es sind die präzisen Beobachtungen - die Porreestange in der Einkaufstüte, der gehetzte Blick eines Großstadtmenschen.

Sempé erfasst die Dinge, indem er sie zeichnet. Und er zeigt Empathie. Im "Kleinen Nick" erzählt er von Kindern, die raufen und balgen, streiten und spielen. So schrecklich die Ereignisse auch sein mögen, diese Kinder leiden nie. Es sind die Gefühle von Kindern, die von den Eltern nicht verstanden werden, von Erwachsenen, die sich missverstehen oder nicht ausstehen können. Sempé schafft mit minimalistischen Strichen eine Typologie der Gefühle, die jeder kennt, voller Weisheiten und Begegnungen, die wir nie vergessen.