München/Bordeaux Leiser Witz und tiefe Melancholie

Seit mehr als einem halben Jahrhundert zeichnet Sempé Geschichten. Foto: dpa
Seit mehr als einem halben Jahrhundert zeichnet Sempé Geschichten. Foto: dpa
RIEKE C. HARMSEN, EPD 15.08.2012
Seine Bücher wurden in 25 Sprachen übersetzt, der "kleine Nick" ist weltberühmt: Jean-Jacques Sempé ist der bekannteste humoristische Zeichner Frankreichs. Am Freitag wird er 80 Jahre alt.

Sein Leben begann als "schönstes Baby von Bordeaux": Bei einem Schönheitswettbewerb gewann er einen Preis - als dickes Kind mit hellblauen Augen und blonden Haaren. "Ich sah aus wie ein käseweißes Michelin-Männchen, fett und weich - scheußlich", erzählt Jean-Jacques Sempé. Seine Kindheit schildert er als "nicht übertrieben heiter", sondern "ziemlich grauenvoll und auch ein wenig tragisch". Der Stiefvater trinkt, die Mutter prügelt, und weil das Geld nicht reicht, muss die Familie dauernd umziehen. Mit dem Zeichenstift erfindet sich Jean-Jacques eine eigene Welt. Damit wird er weltberühmt. An diesem Freitag wird Sempé 80 Jahre alt.

"Mensch zu sein braucht sehr viel Tapferkeit", sagt Sempé in einem Interview, das in dem neuen Buch "Kindheiten" im Diogenes-Verlag nachzulesen ist. Der großformatige Band ermöglicht einen Einblick in das Leben des Zeichners, der von sich selbst behauptet, dass er "immer glückliche Menschen zeichnen wollte", und doch selbst eine Jugend hatte, die alles andere als glücklich war.

Jean-Jacques Sempé fliegt mit 17 Jahren von der Schule. Fünf Jahre arbeitet er als Assistent eines Weinhändlers und träumt von einer Karriere als Jazzpianist und Fußballprofi. Um seiner Familie zu entfliehen, meldet er sich freiwillig zur Armee. Mit 19 Jahren zieht er nach Paris und beginnt mühsam eine Karriere als Pressezeichner. "Es war einfacher, ein Blatt Papier zu finden als eine Lokomotive oder ein Klavier", erinnert sich Sempé. Dann begegnet er dem sieben Jahre älteren Texter René Goscinny und entwickelt mit diesem die Serie "Der kleine Nick", die 1959 erscheint und weit über die französische Grenze hinaus bekannt wird.

Das erste Buch, das 1962 in den Editions Denoël erscheint, wird zum Publikumsrenner. Es folgen Aufträge für Zeitschriften und Magazine wie Paris Match, Punch, Marie Claire, dann erste Titelbilder für den New Yorker, für den Sempé ab 1978 arbeitet und mehr als 100 Cover und Illustrationen zeichnet. Es sind die Kinder, die Sempé faszinieren. Er fühlt mit ihnen, er empfindet Angst, Scham, Wut und Zweifel und findet darauf ganz eigene, oft subversive, immer aber sehr humorvolle Antworten. Eine Mutter beugt sich über ihren Sohn und droht diesem Prügel an. Der Sohn tut, als blicke er betreten zum Boden. Aber über seinem Kopf schwebt eine Blase, in der er der Mutter die Zunge herausstreckt.

Oder: Ein kleiner Junge auf einem winzigen Schaukelpferd schaut aus dem Fenster - auf eine monumentale Reiterskulptur. Oder: Ein Vater sitzt auf einer Zugbrücke, vor ihm baumelt die Angel über den Gleisen. Den Kindern, die mit trauriger Miene daneben stehen, erklärt er: "Ruhe, kein Widerspruch! Weil ihr gestern meine Brille zerbrochen habt, dürft ihr heute nicht baden." Sempé zeichnet Kinder und Greise, Großstädte und Landschaften, Rennfahrer und Musiker. Oft sind es die Verschiebungen in den Relationen, die die Komik ausmachen: Kleine Tänzerin in einem riesigen Barocksaal, monströse Gattin mit dürrem Ehemann, winziges Auto vor prächtiger Landschaft. Oder es sind die präzisen Beobachtungen und feinen Details - die Porreestange in der Einkaufstüte, der gehetzte Blick eines Großstadtmenschen oder die Tupfen auf dem Sofa, die dem Tupfen auf dem Kleid entsprechen.

Sempé erfasst die Dinge, indem er sie zeichnet. Und er zeigt Empathie. Im "Kleinen Nick" erzählt er von Kindern, die sich raufen und balgen, streiten und spielen. So schrecklich die Ereignisse auch sein mögen, diese Kinder empfinden keine Schmerzen, sie leiden nie. Es sind die Gefühle von Kindern, die von den Eltern nicht verstanden werden, von Erwachsenen, die sich missverstehen oder nicht ausstehen können. Sempé schafft mit minimalistischen Strichen eine Typologie der Gefühle, die jeder kennt, voller Weisheiten und Begegnungen, die wir nie vergessen.

Seiner Feder und dem Aquarellkasten bleibt Sempé treu. Der feine Strich wird nach einem schweren Skiunfall zittriger, doch verlieren seine Figuren deshalb nicht an Ausstrahlung. Sempé lehrt seine Leser, dass Humor die beste Waffe ist gegen Unterdrückung und Gewalt. Mit seinem leisen Witz gibt er den Menschen ihre Würde zurück.

Info Das Museum Wilhelm Busch in Hannover würdigt Sempé bis zum 23. September mit einer Ausstellung.