Wenn Museumsmacher, die lange im Voraus planen, den Nerv der Zeit treffen, dann können sie sich glücklich schätzen. Im Haus der Geschichte Baden-Württemberg haben sie Grund dazu. Mit ihrer am Sonntag ganz bewusst zunächst im Landtag feierlich eröffneten Ausstellung „Vertrauensfragen. Der Anfang der Geschichte der Demokratie im Südwesten 1918-1924“ gedenken sie nicht nur der politischen Umwälzung vor 100 Jahren. Vielmehr spüren sie intensiv dem nach, was Demokratie bis heute ausmacht: Teilhabe, Sicherheit, Zusammenarbeit, Vielfalt, Zugehörigkeit und Glaubwürdigkeit.

Enorme Leistungen

Dass, wie nicht zuletzt der Zulauf zur AfD zeigt, in erschreckend großem Ausmaß die Legitimität unserer demokratischen Grundordnung in Frage gestellt wird, dass eine Vertrauenskrise diagnostiziert werden muss, verleiht der Ausstellung eine so schmerzliche wie nützliche Aktualität. Dabei habe die Bundesrepublik bisher keine einzige der Krisen erlebt, die die junge Weimarer Republik zu bewältigen hatte, rückt Museumsleiter Thomas Schnabel die Verhältnisse zurecht.

Der Blick auf Politik und Alltag in den Anfangsjahren der ersten deutschen Demokratie will deshalb auch für „eine gewisse Rehabilitierung“ sorgen, auf die „enormen Leistungen“ verweisen „und Weimar nicht immer nur vom Scheitern her betrachten.“

Am Anfang, im Foyer, stehen die Kutsche König Wilhelms II. – ein Bauer aus Hohenlohe hatte sie gekauft, nachdem der Monarch sich am 9. November 1918 nach Bebenhausen abgesetzt hatte – und ein badischer Grenzpfahl, der zeigt, wohin die Reise geht: zur demokratischen Republik. Dass die Revolution im Südwesten an diesem Tag einen einzigen Verletzten zählte – ein Offizier in Stuttgart wurde mit der Spitze seiner Pickelhaube verwundet – unterstreicht nur, dass auch in Württemberg, Baden und Hohenzollern die Zeit überreif war, dem Obrigkeitsstaat die rote Karte zu zeigen. Selbst für den beliebten König rührte sich keine Hand.

Auf 500 Quadratmetern haben  Ausstellungsleiterin Paula Lutum-Lenger, die 2019 Schnabels Nachfolgerin wird, und die Kuratoren Christopher Dowe und Franziska Dunkel eine inhaltlich wie medial äußerst dichte, sehenswerte Schau arrangiert. Das Warum der tiefen Vertrauenskrise, die die Revolution in ganz Deutschland auslöste, wird in düsteren Schwarz-Weiß-Fotos in Erinnerung gerufen: der desaströse erste Weltkrieg, Erschöpfung, Hunger, dazu die Gewissheit, von den Militärs, die schon im Frühjahr 1918 den Krieg verloren gegeben hatten, hintergangen worden zu sein.

Unter den Exponaten: ein mit Strohmehl und Tierblut gestrecktes „Blutbrot“, das Telegramm mit der Abdankung des Kaisers. Von den Längswänden blicken lebensgroß Menschen aus dem Südwesten, sehr individuell fotografiert zwischen 1918 und 1924, das Volk, das von nun an Hauptakteur ist: „Auf jeden Einzelnen kommt es an.“ Auf die Heidelberger Liberale Marianne Weber zum Beispiel. Als erste deutsche Frau überhaupt in einem demokratisch gewählten Parlament, hält die Abgeordnete der badischen verfassungsgebenden Versammlung am 15. Januar 1919 eine nachzuhörende Rede. Das neue Frauenwahlrecht machte es möglich.

Wie aktuell der demokratische Grundsatz Teilhabe umgesetzt werden kann, zeigt wie in den anderen Foren eine interaktive Mitmachstation. Digital kann über Wahlfragen abgestimmt werden. „Was schafft Vertrauen?“, wird auf dem LED-Textlaufband gefragt, das die sechs Foren verbindet – „Sicherheit“ zum Beispiel.

Wie schwierig es war für die junge Republik, die sich mit kommunistischen und nationalsozialistischen Umsturzversuchen konfrontiert sah, das staatliche Gewaltmonopol zu sichern, wird am Beispiel der „Schlacht am Göppinger Walfischkeller“ 1922 in Dokumenten gezeigt. Württembergs Innenminister und späterer Staatspräsident Eugen Bolz, den die Nazis 1945 hinrichteten, ließ im Sommer 1923 die NSDAP-Zentrale dichtmachen.

Wie Freiräume schwinden

Dass Sicherheit und Freiheit immer wieder ausbalanciert werden müssen, lehrt eine Licht-Boden-Animation: Wer für den Einsatz der Bundeswehr im Inneren ist, wer überall Videoüberwachung will, kann sehen, wie die Freiräume schwinden. Der Anfang der Demokratie bescherte neue Freiräume. Es gab Reformen im Strafvollzug, Reformen im Schulwesen. Vielfalt konnte mehr denn je gelebt werden. Die „flotte Helene“ Wranovsky aus Öhringen fuhr erfolgreich Motorrad bei Solitude-Rennen. Zwar blieb Homosexualität verboten. Doch konnte der Heidenheimer Kaufmann Leonhard Junginger eine Kontaktanzeige aufgeben („Musik- und Naturfreund sucht Gedankenaustausch mit jüngerem Herren“). Er wurde zwar denunziert, aber nach der U-Haft freigesprochen.

Sonntags-Führungen


Öffnungszeiten „Vertrauensfragen“ lautet der Titel der Großen Landesausstellung im Stuttgarter Haus der Geschichte: „Der Anfang der Demokratie im Südwesten 1918-1924“. Zu sehen bis 11. August 2019: Di-So 10-18, Do 21 Uhr. Der reich bebilderte Katalog kostet 21.90 Euro. Öffentliche Führungen werden an Sonn- und Feiertagen um 15.30 Uhr angeboten.