Berlin Lars Eidinger triumphiert als Tartuffe

Intensiv: Lars Eidinger als Tartuffe an der Schaubühne. Foto: dpa
Intensiv: Lars Eidinger als Tartuffe an der Schaubühne. Foto: dpa
Berlin / PETER CLAUS, DPA 24.12.2013
Schauspielerische Klasse und eine kritische Sicht auf heutige gesellschaftliche Befindlichkeiten: Jubel für "Tartuffe" an der Schaubühne Berlin.

Star-Regisseur Michael Thalheimer lässt sofort keinen Zweifel daran, dass seine Version des vor etwa 350 Jahren uraufgeführten Komödienklassikers von Molière auf die Gegenwart zielt. Die kühn gekürzte und textlich pointierte Fassung des "Tartuffe" wird an der Berliner Schaubühne überwiegend in zeitlosen Kostümen gespielt.

Einen besonderen Akzent setzt Thalheimers Lieblingsbühnenbildner Olaf Altmann: Die Zuschauer blicken auf eine graue Wand, die fast bis zur ersten Parkettreihe reicht. In dieser Wand gibt es in luftiger Höhe eine Aussparung von etwa zehn mal zehn Metern, die ungefähr drei, vier Meter in die Tiefe reicht. Die Geschichte des gerissenen Betrügers, der Frömmigkeit vortäuscht, doch in Wahrheit der Frömmelei frönt, spielt sich allein in diesem kupferfarben ausgeschlagenen kleinen Raum, einem beredten Symbol geistiger Enge, ab.

Das Verrückte der vorgeführten Welt wird besonders dadurch deutlich, dass der Spielraum sich auf schwindelerregende Weise um die Mittelachse dreht, die Decke also plötzlich eine Seitenwand ist, dann der Boden. Klar, dass die Figuren jeden Halt verlieren. Die Schauspieler jedoch nicht. Sie bewahren Haltung und entwerfen Dank der oft gereimten Dialoge voll bitter-schwarzem Humor präzise Charakterstudien.

Lars Eidinger brilliert in der Titelrolle. Sein Oberkörper, die Arme, die Hände, sogar die Finger sind mit schwarzen Schriftzeichen bedeckt. Dank ausgefeilter Sprechkunst und Körpersprache gelingt ihm das Porträt eines Fanatikers, der alle lustvoll Lebenden mit seiner Intoleranz terrorisiert. Im Verlauf des so kurzen wie kurzweiligen Abends wird Tartuffe zum typischen Vertreter jenes weit verbreiteten Menschenschlags, der im Namen angeblicher politischer Korrektheit alles kritische Denken unterdrücken will.

Dank der Präzision des Ensembles, die alles Alberne oder Sentimentale ausschließt, fasziniert Thalheimers Version des Stückes als scharf konturierte Spiegelung einer Gesellschaft, die ihr Heil in uniformer Moral und stromlinienförmiger Anpassung sucht. Geradezu frenetischer Beifall.

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