Man erkennt seine Bilder am schrägen Blick. Eva guckt so seltsam zweifelnd und schief aus dem Bild heraus wie Amor auch, Karl V. ebenso wie Lots Tochter, die Hexe, der Adlige, ja sogar das Jesuskind – und der Künstler selbst: Konzentriert und ein bisschen misstrauisch schaut Hans Baldung Grien in seinem Selbstbildnis zur Seite, als dächte er gerade scharf über irgendetwas nach.

Was der Künstler uns damit sagen will? Vielleicht will er uns nur zwingen, selbst einen Augenblick innezuhalten und nachzudenken. Fragen kann man ihn nach einem halben Jahrtausend nicht mehr, Selbstzeugnisse gibt es so gut wie keine. Wir sind auf die Bilder zurückverwiesen, um diesen „moler“ kennenzulernen. Und mit seiner Hilfe auch uns selbst.

Ein „Ausnahmekünstler der Renaissance“

Ausgiebig Gelegenheit dazu bietet jetzt die Kunsthalle Karlsruhe, die Hans Baldung, genannt Grien (1484/85-1545) als „Ausnahmekünstler der Renaissance“ mit einer besonders großen Ausstellung, einer Großen Landesausstellung nämlich, feiert. „Ein Projekt der Sonderklasse“, wie Direktorin Pia Müller-Tamm sagt, mit prominenten Leihgebern, die es ermöglichen, Zweidrittel des Gesamtwerks zu zeigen, inklusive Glasmalerei und Dürer-Locke; der Künstler, der vermutlich in Schwäbisch Gmünd geboren wurde und als Kind einer humanistisch orientierten Gelehrtenfamilie in Straßburg aufwuchs, arbeitete zu Beginn seiner Karriere wohl fünf Jahre lang in der Werkstatt des Nürnbergers.

Später ging er nach Freiburg und schließlich zurück nach Straßburg, wo er als hochgeachteter Künstler lebte. Die Locke kam nach Dürers Tod zu ihm, sie mag von der Verbundenheit mit dem Meister zeugen.

Große Schau vor 60 Jahren

Was seinen Nachruhm angeht, stand der „Grünhans“, wie Dürer ihn nannte, lange ein wenig in dessen Schatten. 60 Jahre sind nach der letzten, weltweit bisher einzigen großen Retrospektive vergangen, die ebenfalls von der Kunsthalle als Hort einer der wichtigsten Baldung-Sammlungen ausgerichtet wurde. Dafür kann man nun 200 seiner Werke und solche von Zeitgenossen wie Dürer, Schongauer und Cranach d.Ä. hoch informativ und sorgsam aufbereitet sehen.

In dieser Gesellschaft tritt die eigenständige, später eigenwillig expressive Handschrift eines großen und in der Tat ganz besonderen Künstlers hervor, der ein Jesuskind plötzlich in geradezu radioaktiver Helligkeit strahlen lässt, Herkules und Antäus mit schockierend hyperrealistischer Dramatik ineinander schlingt und deftig pornografische Hexensabbate inszeniert. „Heilig/unheilig“ heißt die Ausstellung im Untertitel, was die Kuratoren nicht als Gegensatz verstanden wissen wollen: „Es spielt auch alles dazwischen eine Rolle“, sagt Pia Müller-Tamm. Und zwar medial wie gedanklich: Hans Baldung fertigt Andachts- wie Aktbilder und Druckgrafiken, malt Porträts und Historienbilder und macht Glasmalerei. Er fertigt sakrale Auftragswerke wie das Hochaltarretabel fürs Freiburger Münster und illustriert das Gebetbuch von Kaiser Maximilian I. mit einem betrunkenen Bacchus. Oder er überlagert christliche und antike Bildsprache gleich in einem einzigen Bild, wenn er seiner venusgleichen Maria einen amorhaften Engel und symbolisch zweifelhafte Papageien beigesellt.

Bemerkenswerte Frauengestalten wie etwa Lots Tochter

Der weibliche Akt fasziniert Hans Baldung zeitlebens, besonders glücklich ist man in der Kunsthalle über die Anwesenheit der sieben Akte in  „Die sieben Lebensalter der Frau“. Auch sonst begegnen einem bemerkenswerte Frauengestalten wie etwa Lots verführerisch hingestreckte Tochter – das aus Fragmenten bestehende Bild konnte noch kurz vor der Eröffnung gekauft werden. Hans Baldung Grien stellt die Sünde nicht nur dar, er stellt sie zur Debatte. Wenn Adam seiner Eva an die Brust fasst, schielt er mit jenem schrägen Blick zum Betrachter, als wolle er fragen: Und du?

Und so fühlen wir uns auch, wenn Maria und Joseph lebensgroß vor uns stehen, direkt hineingezogen in die rätselhafte Szene mit dem leichenblassen Jesuskind. Die Pole fallen endgültig in eins, Geburt und Tod sind ein und derselbe Moment.

Begleitausstellung in der Jungen Kunsthalle


Die Große Landesausstellung „Hans Baldung Grien - heilig/unheilig“ ist bis 8. März, Di-So 10-18 Uhr, zu sehen. Die Öffnungszeiten an den Feiertagen sind unter kunsthalle-karlsruhe.de zu erfahren. Im Deutschen Kunstverlag ist ein Katalog erschienen (504 Seiten, 39.90 Euro). Begleitend zur Landesausstellung zeigt die Kunsthalle 25 Zeichnungen des niederländischen Künstlers Marcel van Eeden mit Bezug zu Baldungs Werk im Kabinett. Außerdem widmet sich die Junge Kunsthalle dem ungelösten Rätsel eines Holzschnitts. Auch im Freiburger Münster ist eine Zweigstelle der Ausstellung eingerichtet.