Völklingen Kunst aus Nacht und Nebel

Völklingen / CLAUDIA REICHERTER 25.08.2015
Bleibt Street Art besser dort, wo sie herkommt: an der Straße? Oder gehört sie ins Museum? Wenn überhaupt, dann an einen Ort wie diesen: Das ehemalige Eisenwerk in Völklingen zeigt jetzt die 3. Biennale.

Diese Ausstellung beginnt bereits unterwegs. Solche Kunst sieht der Bahnreisende vor und hinter jedem Bahnhof, nicht nur an den vier Stationen von Saarbrücken in Richtung französische Grenze. Wer mit dem Auto zum Beispiel nach Völklingen fährt, muss etwas mehr suchen, wird aber an Autobahnbrücken, Schallschutzmauern und Hauswänden in jeder größeren Stadt in der Regel ebenfalls fündig. Hier ein schnell hingesprühtes Tag (Kürzel), da ein kunstvoll umgesetzter Spruch und dort elaborierte Malerei, möglichst unter Einbeziehung der umgebenden Vegetation. . . Street Art ist Kunst von der Straße. Zum dritten Mal zeigt die 1994 zum Unesco-Weltkulturerbe und Europäischen Zentrum für Kunst und Industriekultur erhobene Völklinger Hütte mit der Urban Art Biennale jetzt solche Kunst.

Seit 2011 hat sich die zweijährliche Schau zu einer der weltweit bedeutsamsten Ausstellungen dieses in den 1960er Jahren entstandenen und erst nach und nach als Kunst anerkannten Genres entwickelt. Die erste und zweite der vom Saarbrücker Sprayer Reso initiierten Biennalen waren thematisch offen. Dieses Jahr legten Museumschef und Ausstellungsleiter Meinrad Maria Grewenig und Kurator Frank Krämer einen Schwerpunkt auf Arbeiten aus der arabischen Welt.

So findet sich unter den 120 Werken von 80 Künstlern aus 21 Ländern und von sechs Kontinenten etwa "Hagigat", ein mittels Schablone gesprühtes Schwarz-Weiß-Bild eines ernst blickenden Jungen mit kalligraphischen Zeichen im Hintergrund. Es stammt von einem in Teheran geborenen und heute in Essen lebenden Künstler, der sich vieldeutig A1one nennt. Fantasievolle Schriftelemente nutzt auch Tarek Benaoum, der 1978 in Marokko geboren wurde und mit mehreren faszinierenden großformatigen Wandbildern zwischen schon als klassisch geltenden Street-Art-Künstlern wie Speedy Graphito, Jef Áerosol, Shepard Fairey, Invader und Thomas Baumgärtel mit seiner Pixelästhetik in der Ausstellung vertreten ist. Die Ägypter Ammar Abo Bakr und Hanaa el Degham begrüßen die Besucher am Eingang zur Möllerhalle, in der einst Rohstoffe zur Eisenverhüttung lagerten, mit politischen Graffiti.

Ein paar aufgeflexte Silos weiter sticht die nächste der in der Street-Art-Szene eher spärlich vertretenen Frauen hervor: YZ aus Frankreich zeichnet mit Tusche auf zusammengenagelte Holzlatten subtile, altmodisch anmutende Frauenakte.

Im 100.000 Quadratmeter großen "Parcours" um das beeindruckende Industriedenkmal herum sind der 30 Meter hohe "Tree of Life", den ihr Landsmann Ludo in nur zwei Tagen auf ein Gebäude pappte, M.Chats grinsende Katzen-Skulptur und "Scratching the surface" des Portugiesen Vhils, der mit dem Abtragen von Oberflächenschichten einer Wand experimentiert, nicht zu übersehen. Ganz anders Moskos hinter Pflanzen versteckter "Tigre camouflage". Ungewöhnlich für dieses Genre ist das, was Thomas Canto aus Lyon zur Biennale beitrug: dreidimensionale Rauminstallationen aus Schnüren und bemaltem Holz.

Der Name sagt's: Street Art gehört in den öffentlichen Raum, gehört in Nacht und Nebel geschaffen, umstritten, als "Schmiererei" abgetan und in seinem Kontext belassen. Aber hier ist diese begeisternd vielfältige junge Kunstrichtung einmal nicht an schlecht einsehbaren Stellen versteckt und rast nicht kaum fassbar am Reisenden vorbei. Der Betrachter kann sich Zeit lassen, entdecken. Dafür ist kaum ein Ort so geeignet wie diese ehemalige "verbotene Stadt" in der Stadt, das rostige, staubige, halbverfallene Ungetüm von einem Industrierelikt.

Drei Ausstellungen

Termine und Infos In der Möllerhalle und dem "Paradies" genannten Außengelände der ehemaligen Kokerei der Völklinger Hütte ist die 3. Urban Art Biennale zu sehen. Auch die Ausstellung "Die Röchlings und die Völklinger Hütte" nebenan endet am 1. November. Dazu zeigt das Europäische Zentrum für Kunst und Industriekultur in der Gebläsehalle des Unesco-Weltkulturerbes noch bis 3. April "Schädel - Ikone. Mythos. Kult". Geöffnet jeweils 10-19 Uhr. Eintritt 15 Euro, für Kinder, Schüler, Studenten und Azubis frei.

 

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