Oper Kultur-Rekorde: Blumen und Lorbeerkränze

Octavian hat Sophie als Brautwerber die silberne Rose überreicht – eine Szene mit Sophie Koch (rechts) und Golda Schulz aus einer Inszenierung des „Rosenkavaliers“ der Salzburger Festspiele (2015).
Octavian hat Sophie als Brautwerber die silberne Rose überreicht – eine Szene mit Sophie Koch (rechts) und Golda Schulz aus einer Inszenierung des „Rosenkavaliers“ der Salzburger Festspiele (2015). © Foto: BARBARA GINDL/dpa
Ulm / Von Jürgen Kanold 23.08.2018

Ein ernster Tag, ein großer Tag!“, ruft der Herr von Faninal aus, der seine Tochter Sophie mit dem Baron Ochs auf Lerchenau verkuppelt, damit ein Adelstitel in die Familie kommt. Es ist aber auch, im zweiten Akt der Oper „Rosenkavalier“ von Richard Strauss, eine heilig-sentimentale Musik, zu der Graf Octavian als Brautwerber dem Mädel, in das er sich gleich selbst verliebt, eine silberne Rose überreicht. „Hat einen starken Geruch. Wie Rosen, wie lebendige“, singt die sowieso überwältigte Sophie – die am Ende natürlich den Ochs verschmäht und den Octavian heiratet.

Ein Schweizer Rosenzüchter namens Huber aber hat das Blumige in dieser Oper noch wörtlicher genommen und eine rote Floribunda mit leichtem Duft als „Rosenkavalier“ getauft. Die Rose, haben Rainer Schmitz und Benno Ure in ihrem Klassik-Anekdoten-Wälzer „Tasten, Töne und Tumulte“ festgestellt, ist überhaupt die meistbesungene Blume; die Autoren zählen allein 82 Musiker und Komponisten auf, nach denen eine Rose (laut international verbindlicher Nomenklatur) benannt worden ist. Maria Callas zum Beispiel: eine rosa  Teehybride. Oder die naturgemäß bernsteingelbe (Leonard-)Bernstein-Ro­se.

Keine Rose trägt offenbar den Namen „Die Meistersinger von Nürnberg“; es müsste sich ja auch um einen ganzen Strauß handeln, und freilich singt der Schuster Hans Sachs in dieser Wag­ner-Oper einen Flieder-Monolog. Aber der „Parsifal“ kann heranwachsen: als Floribunda, korallenrot mit Lachsrosa, aber ohne Duft. Kein Wunder, der Held Parsifal widersteht ja auch im zweiten Akt allen Lockungen der Blumenmädchen.

Doch wie blüht die Musik? Das ist eine Frage, die einem gerade beim „Parsifal“ über Rekord-Zeiten sinnieren lässt. Pierre Boulez nämlich dirigierte bei den Bayreuther Festspiele den kürzesten „Parsifal“: 3 Stunden und 38 Minuten dauerte er 1967; Arturo Toscanini brauchte 1931 sagenumwobene 4 Stunden und 48 Minuten, also weit mehr als eine Stunde länger. Man weiß jetzt nicht, ob damals bei den berühmten Worten des Gurnemanz, „mein Sohn, zum Raum wird hier die Zeit“, einfach komplett mal das Tempo gedehnt oder gleich die ganze Aufführung angehalten worden ist.

Aber auch Christoph Eschenbach streckte im Jahre 2000 bei seinem Bayreuth-Debüt den „Parsifal“ auf 4 Stunden und 45 Minuten, eine Zeit, die der alte Pierre Boulez 2004 bei seinem zweiten „Parsifal“-Dirigat (es war die Schlingensief-Inszenierung) um eine ganze Stunde unterbot. Bei Eschenbach stand sich im tropischen Festspielhaus nicht nur der Chor die Füße platt: Da hätte auch ein echte Rose gewelkt.

Noch ein paar Opern-Rekorde? Als erste Oper der Musikgeschichte gilt die 1598 in Florenz uraufgeführte „Dafne“ von Jacopo Peri auf ein Libretto von Ottavio Rinuccini. Dafne oder Daphne ist jene Nymphe aus der griechischen Mythologie, die der Gott Apollo, ein Sohn des Zeus, so umwerfend liebreizend fand und deshalb verfolgte. Nur dass diese sich von ihrem Vater Peneios in einen Lorbeerkranz verwandeln ließ. Mit einem solchen ehrte man im Altertum die Sieger in Wettkämpfen.

Heinrich Schütz wollte später, 1627, wohl auch einen abhaben und komponierte auf ein Libretto von Gerhard Opitz die erste deutsche Oper; vielleicht war es auch nur ein Theaterstück mit Musik, zumindest aber ein Auftragswerk für das „Beylager“ der jungen Herzogin von Sachsen – auch eine Sophie, die heiraten sollte, aber wirklich, in Torgau. Die Musik beider „Dafne“-Opern ist im Übrigen verloren gegangen, es gibt nur Rekonstruktionen, es sind Raritäten in Gedenkjahren. Ganz anders Wolfgang Amadeus Mozarts „Zauberflöte“: Die ist laut aktueller Werkstatistik des Deutschen Bühnenvereins die populärste Oper mit 231 699 Besuchern in der Saison 2016/17.

Und der meistvertonte Opernstoff ist die Daphne-Mythologie auch nicht: Das ist natürlich die Geschichte des Sängers und Leier spielenden Orpheus, der in die Unterwelt hinabsteigt, um seine verstorbene Gattin Eurydike zurückzuholen. Er betört mit seiner Kunst die Götter, rührt sie zu Tränen, aber dann verbockt er alles, weil er gegen den Deal verstößt, sich auf dem Rückweg erst dann nach Eurydike umzudrehen, wenn sie das Tageslicht erreichen.

Die besagten Autoren von „Tasten, Töne und Tumulte“ (Siedler Verlag) listen 64 Orpheus-Varianten auf. Eine Rose mit Namen Orpheus ist ihnen aber nicht bekannt – was soll das auch für ein Kavalier sein, der sich partout so aufdringlich nach einer Frau umdreht, dass sie zurück muss in den Hades?

Unsere Sommerserie

Welcher Song wurde in der Popgeschichte am häufigsten gecovert? Welche Figur tauchte in Kinofilmen oder im Fernsehen am häufigsten auf? Mit solchen und weiteren Kultur-Rekorden beschäftigen wir uns in einer kleinen Sommer-Serie.

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