Künstlerorte Künstlerort Collioure: Der Blick durch 20 Rahmen

Collioure gilt als Wiege des Fauvimus. Seine Kirche gilt als die meistgemalte der Klassischen Moderne. 30 Kilometer westlich davon residierten die Kubisten in Céret / Helmut Pusch 25.08.2018

Alles begann mit Henri Matisse. Der und sein Begleiter André Derain waren es, die das eher verschlafene Städtchen Collioure 1904 für sich entdeckten. Des Lichts wegen, das in Collioure in der Abenddämmerung einen ganz eigenen Farbzauber entwickelt. Anders als wenige Kilometer weiter nördlich in Saint Cyprien oder Canet herrschen nicht die üblichen Rottöne vor, sondern Grün, Blau und Lila. Aus roten Dächern werden ins Grün changierende. Sicher eine Bestätigung für Matisse und Derain auf ihrem Weg zur subjektiven Farbe des Fauvimus, wie ihr Malstil später genannt werden sollte.

Der Grund für die Farbspiele sind die Alberen, ein Vorgebirge der Pyrenäen, die mächtig und steil im Westen Collioures aufragen und so das abendliche rötliche Sonnenlicht blockieren. Die stilbildende Geschichte feiert das Städtchen, das einst die Griechen gründeten und wo auch die ersten Weinstöcke im heutigen Frankreich anlandeten, mit 20 Bilderrahmen, die dort stehen, wo Matisse und Derain ihre Staffeleien aufgestellt hatten.

Blickt man durch sie hindurch, sieht man eben jene Ausschnitte, die die Künstler verewigt haben: die Kirche Notre Dame des Anges, den Palast der Könige von Mallorca, die Boote im Hafen mit der anderswo längst vergessenen Lateiner-Takelage. Neben den Rahmen findet man Reproduktionen der Kunstwerke, die heute in den bedeutendsten Museen zu finden sind: etwa im New Yorker Museum of Modern Art, in der Eremitage Sankt Petersburg und im Museum Folkwang in Essen. Später kamen auch Georges Braque, Raoul Dufy, Juan Gris undPablo Picasso.

Doch es gibt auch Originale aus dieser Zeit in Collioure. In der Brasserie und im Restauarant des Hotels „Les Templiers“ am Quai Amirauté sind Gemälde über Gemälde zu bewundern. Der Überlieferung nach soll dort so manch klammer Künstler in der Vergangenheit seine Zeche mit Bildern bezahlt haben.

Wie gesagt: Vieles ist original, die Wand des Nebenraums hat etwa Vialat gestaltet, die Kacheln im Herren-WC hat Raoul Dufy bemalt. Nur der Picasso über dem Kücheneingang ist eine Reproduktion, der Versicherung wegen, die das Werk dort nicht hatte absichern wollen.

Vom Fauvismus zum Kubismus: Die Distanz beträgt im Roussillon gerade mal 30 Kilometer. Das ist die Entfernung von Collioure nach Céret. Dort, an den Füßen des Canigou, liegt das malerische Städtchen, dessen Boulevards von riesigen Platanen beschattet werden. Die Pont du diable, die Teufelsbrücke über den Tech, galt im 14. Jahrhundert mit ihrer Spannweite von mehr als 45 Metern als die größte ihrer Art.

Dort strandeten 1909 der Bildhauer Manolo Martínez Hugué, der Maler Frank Burty Haviland und der Komponist Deodat de Séverac. Sie waren auf dem Weg nach Banyuls, um ihren Bildhauerkollegen Aristide Maillol zu besuchen. Der raue Transmontane ließ sie aber ein paar Tage in Céret pausieren.

Eine Rast mit Folgen, denn in Briefen an Kollegen und Freunde schwärmten sie von der Schönheit des Städtchens. In den Folgejahren setzte ein wahrer Malertourismus ein. Georges Braque, Juan Gris, Marc Chagall, Pablo Picasso und viele andere reisten bis in die 30er Jahre nach Céret und machten die Kleinstadt zum Zentrum des Kubismus.

Heute lässt sich das noch im Museum für moderne Kunst (Musée d‘Art moderne) nachvollziehen, dessen 700 Arbeiten umfassende Sammlung auch eine weitere Anreise lohnt. Zum Fundus gehören mehr als 50 Arbeiten Pablo Picassos, vor allem seine Stierkampf-Keramiken, ein gutes Dutzend Zeichnungen von Matisse, ein Großformat Marc Chagalls und natürlich Arbeiten von Brune, Manolo und Haviland.

Zu verdanken hat Céret diese Sammlung den Malern Frank Burty Haviland und Pierre Brune, der seit 1916 im Ort lebte. Die beiden wollten eine Museum gründen, um an die Rolle des Städtchens in der Kunstgeschichte zu erinnern. Brune schrieb seine Künstlerfreunde an und bat um Spenden für die Sammlung. Erfolgreich: Die Werke der älteren Künstler sind dem Museum tatsächlich von diesen gestiftet worden.

Von 1950 an war die stetig wachsende Sammlung im ehemaligen Gefängnis zu sehen, seit 1993 ist sie in einem Neubau untergebracht, mitten in der Altstadt, die wie fast alle anderen Gemeinden des Roussillons auch eine Skulptur Aristide Maillols zu bieten hat, allerdings keine der Frauenakt-Bronzen, für die der Künstler so berühmt ist, sondern ein Kriegerdenkmal aus Granit.

Und wenn wir schon bei Maillol sind: Ihm ist seit einigen Jahren nicht nur ein eigenes Museum in Paris gewidmet, sondern auch eines in seinem Geburtsort Banyuls, der nur wenige Kilometer südlich von Collioure an der Küste liegt. Es befindet im Mas Maillol, in dem er Künstler bis zu seinem Tode arbeitete und in dessen Garten er auch begraben liegt – unter einer seiner wunderbaren Frauenbronzen.

In direkter Nachbarschaft

Drei Orte Das Roussillon ist eine der ältesten Kulturlandschaften Europas, aber auch der klassischen Moderne. In Collioure, Céret und Banyuls, drei Gemeinden, die eng beieinander liegen, lässt jede Menge entdecken: der Fauvismus,. der Kubismus und die wunderbaren Frauen-Akte Aristide Maillos. Dessen Arbeiten findet man in fast jeder Gemeinde des Départements. 

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