Kunstgeschichte Krieg und Farben

Freiburg / Jürgen Kanold 27.01.2018

Aus den Vogesen dröhnt Kanonendonner. Freiburg liegt fast an der Front: Bombenangriffe aus der Luft, die Todesanzeigen der Gefallenen füllen die Zeitungen. Trotzdem beginnt im September 1916, mitten im Ersten Weltkrieg, eine Aufsehen erregende Ausstellung: „Hölzel und sein Kreis“. Hölzel, das ist der anerkannte Stuttgarter Akademieprofessor, der im Vorwort zum Katalog über das Aufblühen der Kunst philosophiert. Mit „innigster Liebe“ müssten deren Früchte behandelt und gegen Stürme und Unwetter geschützt werden. Dabei gelte es, dem forschenden Teil der Malerei die größte Aufmerksamkeit zuzuwenden: für eine „künftige künstlerisch führende Stellung Deutschlands“.

Man liest das, fast 100 Jahre danach, mit einem gewissen Schaudern. Aber das war der national kolorierte Stil der Zeit und keine Propaganda-Aktion. Im Gegenteil: Die radikale Avantgarde war im neu gebauten Freiburger Kunstverein zu Gast.

Diverse Kritiker ereiferten sich über die „dilettantischen Anmaßungen“ der Künstler, forderten eine „Reinheit“ in der Kunst. Die „Süddeutsche Conservative Correspondenz“ ätzte: „Weiter kann man den Bluff und Unsinn nicht treiben.“ Die übliche Häme gegen das Neue. Wer da ausstellte, das waren junge, später so namhafte Künstler wie Oskar Schlemmer, Willi Baumeister und Johannes Itten. Sie kamen aus Stuttgart: damals auch ein Zentrum der Moderne, neben München („Der blaue Reiter“) oder Dresden („Brücke“) .

Das alles und viel mehr erzählt eine vortreffliche Ausstellung im Freiburger Augustinermuseum: „Im Laboratorium der Moderne – Hölzel und sein Kreis“. Sie leistet eine Menge, schlägt zum Beispiel dieses kaum bekannte Kapitel der Kunstgeschichte auf und erinnert an eine wichtige Präsentation zeitgenössischer Kunst im frühen 20. Jahrhundert.

Ebenso ist diese Schau eine Hommage an Adolf Hölzel, der von 1905 bis 1918 in Stuttgart wirkte: als einflussreicher Kunsttheoretiker und Lehrer, der sein Atelier und seinen Unterricht als Laboratorium verstand, kein herrischer Egozentriker war, sondern seine Schüler inspirierend aufforderte, unterschiedliche neue Wege zu beschreiten. Aber auch Schülerinnen hatte Hölzel (1853-1934) und mit Ida Kerkovius eine Assistentin – in einer Zeit, als Frauen das Studium an Akademien noch großteils verwehrt war. So lud er neben seiner Meisterschülerin Kerkovius auch Luise Deicher, Maria Foell und Lily Hildebrandt ein, im Freiburger Kunstverein auszustellen.

Hölzel und sein Kreis: 19 Namen sind im Augustinermuseum vertreten, wobei die Kuratoren nicht direkt die Ausstellung von 1916 rekonstruiert haben (viele Bilder sind verschollen, vernichtet), sondern auch die Wirkungsgeschichte der Künstler beleuchten. Farbe und Form, Menschenbild, Konstruktion und Abstraktion – ein neuer Blick auf die Welt und ins eigene Ich, an alten Meistern geschult: Diese Gruppe aus Stuttgart lieferte damals hoch Modernes, Johannes Itten etwa das jetzt zentral ausgestellte Gemälde „Der Bach-Sänger (Helge Lindberg)“.

Was die aktuelle Ausstellung unterstreicht: Hölzel war nicht nur ein begnadeter Professor, der das Unlogische und Unklare als Dilettantismus verteufelte, sondern selbst ein experimentierfreudiger, wichtiger Künstler auf dem Weg vom Expressionismus in die Abstraktion. Seine Spezialgebiete waren die Geometrie und die Farbenlehre –  seine Farbkreise bestimmen jetzt auch das Freiburger Ausstellungsdesign.

Zukunftsfarben in grauer Zeit. Der Krieg ist im Hintergrund präsent. Ein Hölzel-Schüler, Hermann Stenner, war schon 1914 an der Ostfront gefallen; eine „Grabrede“ hatte er noch, unheilvoll visionär, Monate vor seinem Tod gemalt. Und Hermann Stemmler starb 1918 als Soldat bei Reims. Hölzel hatte ihn zu den „stärkeren Talenten“ gezählt, heute ist er fast vergessen. Sein herb-schönes Aquarell „Weiblicher Kopf“ zeigt den Verlust. So falsch lag Hölzel nicht, als er 1916 schrieb, dass die Kunst gegen „Sturm und Unwetter“ zu schützen sei.

Im Laboratorium der Moderne

Ausstellung Das Museum für Neue Kunst der Städtischen Museen Freiburg zeigt die aufwändig recherchierte Ausstellung „Im Laboratorium der Moderne – Hölzel und sein Kreis“ im Augustinermuseum noch bis zum 18. März; Di-So 10-17, Fr bis 19 Uhr. Werke von 19 Künstlerinnen und Künstlern aus dem Zeitraum 1912 bis 1918 sind zu sehen. Es ist keine Rekonstruktion der historischen Schau von 1916 –  das leistet gründlich und mit vielen Fachaufsätzen der umfangreiche, im Michael Imhof Verlag erschienene Katalog. Zu den Herausgebern gehört der Co-Kurator Ulrich Röthke, der die Idee zur Ausstellung hatte.

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