Rottenburg Kreativität hinter Gittern

Ihre eigenen Erlebnisse durften die Rottenburger Strafgefangenen nicht in ihrem Krimi verarbeiten. Foto: dpa
Ihre eigenen Erlebnisse durften die Rottenburger Strafgefangenen nicht in ihrem Krimi verarbeiten. Foto: dpa
Rottenburg / JULIA LÖFFELHOLZ 11.09.2013
Ob am Ende des Buchs "Gesiebte Luft" wohl jemand im Gefängnis landet? Einige seiner Autoren zumindest sind schon dort: Häftlinge der Justizvollzugsanstalt Rottenburg haben einen Krimi verfasst.

Eine Frau bricht auf der Straße tot zusammen. Mord. Doch wer ist der Täter? Hat ihr Tod etwas mit dem Windkraftprojekt der Rottec-AG zu tun? Diesen Fragen müssen im Krimi "Der Rottec-Komplott" die Kriminalkommissare Gabriele Finger und Fritz Pfäffle nachgehen. Das Besondere: Autoren sind keine gestandenen Schriftsteller, sondern Häftlinge der Justizvollzugsanstalt (JVA) Rottenburg.

Jetzt ist der Krimi im Silberburgverlag erschienen, ergänzt mit Kurzgeschichten regionaler Autoren. Der Titel lautet: "Gesiebte Luft - Krimis aus dem Knast". In einer Schreibwerkstatt hatten die Inhaftierten über ein Jahr lang zusammen mit dem Tübinger Rhetorik-Studenten Sebastian Rausenberger an ihrer Geschichte gearbeitet. Hauptautoren des 54 Seiten langen Krimis sind Ralph Wachtler und Jörg Meißner.

Die Idee zu dem Projekt stammte von Gerhard Brüssel, dem Bereichsdienstleiter Freizeit und Sport der JVA. "Ich hatte die Idee schon lange im Kopf", sagt er. "Nun dachte ich, dass ein Regionalkrimi ein schöner Beitrag von uns zu den Heimattagen Baden-Württemberg 2013 im Neckar-Erlebnis-Tal wäre." Zu Beginn meldeten sich vier Inhaftierte zu dem Projekt. Einige wurden im Laufe des Jahres aber entlassen, in eine andere JVA verlegt oder sprangen ab. Dafür kamen neue hinzu. Insgesamt hätten ein halbes Dutzend Inhaftierte an der Geschichte mitgewirkt, sagt Rausenberger. Keiner von ihnen hatte schriftstellerische Erfahrung.

Ralph Wachtler war als einziger von Anfang bis Ende beteiligt. Und das, obwohl er sich gar nicht sicher war, ob Schreiben überhaupt etwas für ihn ist. "Am Anfang habe ich gedacht, ich gucke mir das mal an", sagt der 45-Jährige. "Ich war mir nicht sicher, ob ich das kann." Zuvor hatte er nur einmal einen Reisebericht und eine Anleitung zum Sportangeln geschrieben. Brüssel hatte ihn direkt angesprochen und gefragt, ob er mitmachen wolle. "Es gibt hier wahrscheinlich nicht so viele Personen, die für so ein Projekt geeignet sind", sagt Wachtler.

Sebastian Rausenberger wurde durch einen Aushang an der Uni auf die Schreibwerkstatt aufmerksam. Weil ihn das Vorhaben interessierte, bewarb er sich. Als zum ersten Mal das massive Eisentor hinter ihm zufiel, sei das schon ein beklemmendes Gefühl gewesen, sagt der 27-Jährige im Rückblick. Er sei aber auch neugierig gewesen. "Ich fand es schon interessant, mal ins Gefängnis zu gehen, weil ich davon ausgehe, dass ich da sonst nicht mehr reinkomme."

Für die Handlung der Geschichte gab es zwei Bedingungen: Es sollte ein Krimi mit Regionalbezug sein - und die Autoren durften nicht ihre eigenen Erlebnisse aufschreiben. "Ziel des Projekts war es, dass sich die Inhaftierten in ihrer Freizeit sinnvoll und kreativ beschäftigen können", sagt Rausenberger. "Zu Beginn haben wir uns alle paar Wochen getroffen, gemeinsam Ideen entwickelt und die Geschichte weitergesponnen", berichtet der Student. Gegen Ende seien die Treffen aber seltener geworden. "Es lief einfach. Inhaltlich musste ich am Ende gar nichts mehr verändern." Alle Beteiligten, vor allem die beiden Hauptautoren, hätten die ganze Zeit über sehr viel Engagement gezeigt. Und das, obwohl die Bedingungen unter denen sie das Buch geschrieben haben, nicht einfach waren. Wachtler, Meißner und die anderen Inhaftierten mussten ihre Texte handschriftlich aufschreiben, weil sie in ihren Zellen keine Computer haben dürfen. Andere Häftlinge, die Übung im Schreiben mit Tastatur haben, tippten die Texte dann an einem Gemeinschaftscomputer ab. Durch diese Etappen gingen aber auch einmal Textfragmente verloren.

Wachtler begegneten zudem Probleme, die wohl jeder Schriftsteller kennt. "Manchmal ist mir drei Wochen lang nichts eingefallen." Dennoch gab er nie auf. "Wenn erst einmal der Anfang gemacht ist, geht es irgendwann automatisch weiter." Auch Brüssel beobachtete, dass die Inhaftierten "mit Eifer bei der Sache waren".

Das war auch Rausenberger. Im Laufe des Projekts habe er aber nur gute Erfahrungen gemacht: "Die beteiligten Personen waren super nett." Natürlich habe er sich auch gelegentlich gefragt, warum die Inhaftierten im Gefängnis sind. Doch das weiß er bis heute nicht. "Ich wollte es auch gar nicht wissen, um mir keine Vorurteile zu bilden." Insgesamt sei es eine tolle Erfahrung gewesen. "Ich habe großen Respekt vor der Leistung der Autoren."

Das Buch beinhaltet neben der Geschichte von Wachtler und Meißner acht Kurzkrimis von Nessa Altura, Werner Bauknecht, Silvija Hinzmann, Uschi Kurz, Bernd Leix und Jürgen Seibold. Auch Sebastian Rausenberger und Herausgeber Edi Graf fügten dem Buch Geschichten bei. "Die Kurzkrimis haben alle etwas mit der JVA Rottenburg zu tun und spielen in der Region", sagt Rausenberger. "Die Inhaftierten sollten etwas über die Welt draußen schreiben, die anderen Autoren etwas über die Welt drinnen." Geld erhält keiner der Autoren. Aus dem Erlös wird ein Euro pro Buch der Straffälligenhilfe Südwürttemberg-Hohenzollern gespendet.

Gesiebte Luft