Live-Ereignis Kraftwerk mit Stargast von den Sternen

Stuttgart / Claudia Reicherter 24.07.2018

Von der Vision zur Wirklichkeit: Die Elektro-Pioniere Kraftwerk haben in Stuttgart zum 25-Jährigen des Jazzopen-Festivals eine intergalaktische Jam-Session veranstaltet. Hauptakteur war dabei jedoch nicht das einzige verbliebene Gründungsmitglied der vor 50 Jahren noch unter dem Namen Organisation entstandenen Düsseldorfer Band, Ralf Hütter, sondern ein 42-Jähriger aus Baden-­Württemberg, der bislang musikalisch noch nicht weiter aufgefallen ist: der Künzelsauer Astronaut Alexander Gerst.

Als wäre nicht Kraftwerk live und open air auf dem Schlossplatz allein schon ein Erlebnis. Die weltbekannten Vorreiter in Sachen elektronischer Musik machen sich rar,  treten mit der aktuellen 3-D-Show wenn überhaupt bevorzugt in abgedunkelten Räumen ausgewählter Museen auf. Am Freitagabend waren die vier Herren in Lurchi-Montur hinter ihren Konsolen zum erst zweiten Mal mit dem aktuellen Programm unter freiem Himmel zu erleben.

Die Show vor rund 7500 Fans begann erwartungsgemäß minimalistisch mit „Numbers“ und „Computerwelt“ – was aufgrund der Helligkeit  visuell erstmal noch keinen vom Hocker riss. Mit „Autobahn“, „Tour de France“ und „Das Modell“ nahm das Konzert aber auch hinsichtlich der 3-D-Effekte bald Fahrt auf.

Kaum war „Die Mensch-Maschine“ vom gleichnamigen 1978er Album verklungen, begann über den Köpfen der Musiker eine Raumstation zu zirkulieren. Um 21.55 Uhr erschien der selbstbetitelte „Astro-Alex“ auf der LED-Leinwand. Live zugeschaltet, wie er mit 28 000 km/h in 400 Kilometern Höhe im All über den Atlantik brauste. Als Stargast von den Sternen – genauer: von der internationalen Raumstation ISS, deren Kommando er im Herbst als erster Deutscher übernimmt – machte der Mann im Captain-Future-Shirt mit den Herren in hautengen Bodysuits auf Hütters Aufforderung hin „Zukunftsmusik“.

Auf seinem mit einem speziellen Synthesizer-Programm ausgestatteten Tablet-Computer spielte Gerst mit dem bald 72-jährigen Wortführer der gewohnt wortkargen Gruppe Teile der Melodie des überaus passenden „Mensch-Maschine“-Stücks „Spacelab“. Zwischendurch griff er zum Mikro und erklärte, der „Außenposten der Menschheit“, auf dem er mit fünf Kollegen zum Wohl der Menschen forsche, sei „die komplexeste und wertvollste Maschine, die die Menschheit je gebaut hat“ – eine wahrhaftige „Mensch-­Maschine“ also, wie sie Kraftwerk schon vor 40 Jahren künstlerisch vorwegnahm.

Er hätte nie gedacht, dass er sein erstes Konzert mit den „legendären Kraftwerk“ spielen würde, „jamming live from space“, schrieb der 42-Jährige später begeistert auf Twitter. Restlos von den Socken durch diese Weltpremiere waren auch die Jazz­open-Besucher in Stuttgart, denen Kraftwerk als Zugabe noch ein ausgedehntes „Boing-Boom-Tschak“-Medley bescherte.

Astro-Alex’ Auftritt im Internet

Online Weitere Fotos vom Kraftwerk-Konzert unter swp.de; ein Video der Esa von Astro-Alex’ Auftritt unter youtube.com/watch?v=rCQEzgtWv-E; Alexander Gersts Kommentare sind auf twitter.com nachzulesen.

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