„Tatort“ Konzert mit Todesfolge

Ulm / Jürgen Kanold 03.08.2018

Es ist ein Benefizkonzert im Gedenken an die Opfer des Holocaust in einem der berühmtesten Konzertsäle der Welt, dem Kultur- und Kongresszentrum Luzern: eine staatstragende Kulisse, nobelste Schweiz. Auf dem Programm steht keine Festspielmusik, ein jüdisches Kammerorchester bringt vielmehr Werke jüdischer Komponisten zur Aufführung, die in Konzentrationslagern ermordet wurden. Der Milliardär Walter Loving veranstaltet das Event, um sich als Gutmensch zu feiern, denn er hat im Zweiten Weltkrieg Juden zur Flucht verholfen. Dann bricht ein Klarinettist auf der Bühne zusammen, vergiftet. Hat der Mordanschlag damit zu tun, dass die Pianistin Miriam Goldstein plant, ein dunkles Geheimnis der Familie Loving zu enthüllen?

„Die Musik stirbt zuletzt“ heißt der neue „Tatort“ aus der Schweiz, der am Sonntag in der ARD läuft, und es ist ein in zweifacher Hinsicht außerordentlicher Spielfilm. Es ist der erste „Tatort“,  der in Echtzeit gedreht worden ist,  ungeschnitten, mit nur einer Kameraeinstellung: One-Shot. Dani Levy, der mit „Alles auf Zucker“ eine Erfolgskomödie über das jüdische Leben in Deutschland landete und in „Mein Führer – Die wirklich wahrste Wahrheit über Adolf Hitler“ gnadenlos Helge Schneider in einer Nazi-Parodie besetzte,  hat diesen ernsten „Tatort“ geschrieben und inszeniert. One-Shot heißt, dass ein  Film geprobt werden muss wie ein Theaterstück. Die Kamera läuft . . . und zwar durch. Man hat nur einen Take.

Alles in Echtzeit gedreht

Sebastian Schipper praktizierte das Verfahren 2015 kunstvoll in „Victoria“, Levi aber erzählt seine Geschichte nicht nur aus der Perspektive einer Hauptfigur. Die Kamera fährt mit diversen Pro­tagonisten durchs Konzerthaus: auf die Bühne, ins Foyer, in den Zuschauerraum,  den Backstage-Bereich. Auch im Auto oder im Hauptbahnhof spielen Szenen – wohin die Handlung die Akteure treibt. Aber alles passiert während des Konzerts. Die Kommissare Liz Ritschard (Delia Mayer), die im Saal als Zuhörerin saß, weil sie den Dirigenten kennt, sowie  Reto Flückiger (Stefan Gubser), der im Trikot und in Flipflops aus dem Fußball-Stadion kommt, ermitteln gewissermaßen auch live. So bleibt alles in Bewegung, es wird ja nichts geschnitten. Das zieht den Zuschauer beunruhigend, atemlos ins Geschehen.

Dabei erlaubt sich Levy ein paar dramaturgische Kniffe und Gimmicks. Er zeigt, dass er auch eine traumatische Kindheitsgeschichte als Rückblende filmen kann: Miriam Goldstein (Teresa Harder) öffnet einfach in der Garderobe eine Tür, damit die Kamera im Set eines argentinischen Dschungels verschwinden kann. Und Andi Schenardi spielt als missratener Sohn Franky Loving einen teuflischen Agent Provocateur: nicht nur, dass er seinen Vater hasst, weil er ihm die Freundin wegnimmt –  Hans Hollmann verkörpert grandios den selbstgerechten und liebessenilen Patriarchen. Franky geistert auch durch die Szenerie, indem er direkt den TV-Zuschauer anspricht und über diesen experimentellen „Tatort“ lästert. Das ist allerdings ein bisschen viel Kunst und schmälert Qualität und Realismus der Kriminalgeschichte, die sich zu einem spannenden Familiendrama entwickelt, auch wenn’s dann sehr dicke kommt.

„Die Musik stirbt zuletzt“ ist aber auch ein „Tatort“ mit Anspruch, weil Dani Levy tatsächlich an die Musik jüdischer Komponisten erinnert: „Das Gefühl, vergessene Meisterwerke zu spielen, hat uns alle elektrisiert.“ Und live spielt das Jewish Chamber Orchestra – das nicht fiktiv aus Argentinien anreist, sondern real aus München.

Es erklingen Werke von Erwin Schulhoff, dessen Musik von den Nationalsozialisten als „entartet“ verfemt wurde und der 1942 im Konzentrationslager Wülzburg (Bayern) an Tuberkulose starb. Und von Viktor Ullmann und Marcel Tyberg, die beide in Auschwitz umgebracht wurden. Allerdings ist der „Tatort“ kein Konzertfilm, es ertönen jeweils nur wenige Takte. Und es dirigiert nicht Daniel Grossmann selbst, der Gründer des Jewish Chamber Orchestra Munich – er hat aber den Schauspieler Gottfried Breitfuss gecoacht.

Grossmann würde nun gerne mal regulär mit seinem Kammerorchester im wunderbaren Luzerner Konzerthaus auftreten – ohne politische Benefiz-Parolen, ohne Verbrechen, aber mit hoch spannender Musik.

Fragen an den Dirigenten Daniel Grossmann

Das vor 13 Jahren von Daniel Grossmann gegründete Orchester Jakobsplatz München (dort steht auch die neue Synagoge) nennt sich jetzt Jewish Chamber Orchestra Munich (JCOM). In dem weltweit gastierenden Kammerorchester spielen professionelle jüdische und nicht-jüdische Musiker aus mehr als 20 Nationen.

Herr Grossmann, was ist die Philosophie Ihres Orchesters?
Wir möchten die reiche jüdische Musiktradition pflegen, die Werke vergessener jüdischer Komponisten zur Aufführung bringen, aber überhaupt die lebendige jüdische Gegenwartskultur für jeden hörbar, erlebbar machen.

Wie politisch ist Ihre musikalische Arbeit motiviert?
Ich glaube nicht, dass man Komponisten wie Erwin Schulhoff und  Viktor Ullmann gerecht wird, wenn man deren Namen nur ständig in Bezug setzt zu ihrer Ermordung. Sie hatten ein Leben davor. Ihre großartige Musik ist lange vor dem Holocaust entstanden.

Wie halten Sie es mit Werken des Antisemiten Richard Wagner oder von Richard Strauss, der dem Nazi-Regime gedient hatte?
Wir sind nicht in Israel, sondern in Deutschland, und diese Musik gehört zum deutschen Kulturgut dazu. Ja, wir spielen auch Wagner. Und führen selbst ein Werk von Josef Matthias Hauer auf, der noch vor Arnold Schönberg die Zwölftonmusik in einer primitiveren Art erfunden hat und ein glühender Antisemit war:  Aber ich mache das zu einem Thema in einem speziellen Programm.

Im „Tatort“ werden  anti-israelische Demonstranten vor dem Luzerner Konzerthaus gezeigt. Haben Sie solche Proteste und Aggressionen selbst schon erlebt?
Nein, in den 13 Jahren unseres Bestehens waren es keine fünf E-Mails, die nicht nett waren. Ob sich das ändern wird mit unserer Namensänderung zu Jewish Chamber Orchestra, das muss man sehen.

Wird dieser „Tatort“ das Bewusstsein für die Musik von Schulhoff, Ullmann oder Tyberg schärfen?
Es ist auf jeden Fall sehr löblich, dass einem potenziellen TV-Millionenpublikum zumindest diese Namen vermittelt werden: dass es Komponisten gibt, die Opfer des Holocaust waren.

Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel