Stuttgart. Faber ist Julian Pollina, 26 Jahre alt, geboren in Zürich. Sein Vater, der Cantautore Pippo Polina, hat ihm sicherlich ein gutes Maß an Musikgefühl und inhaltlicher Tiefenschärfe in die Wiege gelegt, sein Umfeld begünstigte fraglos den geweiteten Blick. Als Kunstfigur Faber hat er mit dem zweiten Album „I Fucking Love My Life“ seine Selbstinszenierung weiter perfektioniert, er wird in seinen Texten zum Katalysator für die „Generation Youporn“, er rüttelt wach, trommelt gegen Wände, wuchtet große Emotionen wie Gewichte.

Und er wird gehört, immer mehr. Auch live im seit Wochen ausverkauften Beethovensaal der Stuttgarter Liederhalle verstand er es mit den vier Musikern seiner bestens eingespielten Band Goran Koč y Vocalist Orkestar, diesen künstlerischen Ansatz zu leben. Er gibt den Existenzialisten im weißen Anzug, den bubenhaften Popstar zwischen Intellekt und Absturz auf Raten, den Lebekerl und sensiblen Zuhörer. Auf einem Bühnenboden voll roter Nelken bietet er den vom ersten Song an lautstark mitsingenden Fans eine Show mit einem auch optisch theatralischen Konzept.

Flammendes Plädoyer für respektvollen Umgang miteinander

Vor allem greift und ergreift bei diesem Coronavirus-Exil-Konzert Fabers Stimme. Nach einem flammenden Plädoyer für einen respektvollen Umgang miteinander und vor allem mit den Frauen im Publikum geht’s bei „Top“ voll ab und mit „Sag mir wie du heißt“ bereits in balladeske Tiefen. Faber gibt den Cave, Posaune und Cello mischen sich in die Lieder. Leise und immer lauter werdende Aufschreie von „Das Boot ist voll“ bis zu den brennenden Autos in Paris spiegeln Ohnmacht und Wut.

Faber sucht das Grundrauschen des Zeitgeistes

Faber sucht als Hauptfigur seiner Song-Geschichten das Grundrauschen des Zeitgeists, fühlt sich ein, wühlt auf – musikalisch mit Folkessenzen, Rockwucht oder Chanson-Feingefühl. Für den gitarrenschwenkenden Sonnyboy mit dem Grundkratzen der Stimmbänder ist genug nie genug, und bei „Alles Gute“ bebt der ehrwürdige Saal. Mit einer Sonnenfinsternis im Rücken bewegt er sich in „Komm her“ durchs Publikum, lässt dann seine Band mal so richtig die solistischen Muskeln spielen und haucht das traumhaft melancholische „Du schläfst auf Kissen aus Seide“ hin. Nach dem gemeinsamen „Widerstand“ wird mit Stücken wie „Bratislava“, „So soll es sein“ und dem fetzigen „Tausendfrankenlang“ noch alles gegeben.

Zwei Feierstunden mit Faber und des Sängers finalem Ratschlag: „Wascht euch immer schön die Hände.“ Nach diesem Eng-Schwitz-Erlebnis sind vom Faber-Virus sowieso alle infiziert.