Kunstgeschichte Kokoschka und die Puppen

: Kokoschka. Zsolnay, 336 Seiten, 28 Euro.
: Kokoschka. Zsolnay, 336 Seiten, 28 Euro. © Foto: Zsolnay Verlag
Ulm / Von Georg Leisten 13.10.2018

Männer, die mit Puppen spielen, haben ein Problem. Das Problem von Oskar Kokoschka hieß Alma Mahler. Nach einer kurzen, wilden Affäre gab die flamboyante Wienerin dem sieben Jahre jüngeren Künstler den Laufpass. Der dachte darauf zunächst an Selbstmord, meldete sich dann aber freiwillig an die Ostfront, was beinah auf dasselbe hinausgelaufen wäre. Schwer verletzt an Kopf und Lunge kehrte er von den Schlachtfeldern des Ersten Weltkrieges zurück, um bei einer Puppenmacherin eine lebensgroße Figur der Ex-Geliebten in Auftrag zu geben. Die ausgestopfte Alma saß dem Maler Modell, begleitete ihn ins Theater und wahrscheinlich auch ins Bett.

In einer neuen Biografie schildert der Publizist Rüdiger Görner Kokoschka als Extremisten des Gefühlslebens. Sadismus, Masochismus und Fetischismus – unter der Herrschaft dieser Dreifaltigkeit stehen Kunst und Dichtung des Doppeltalents.

Schon 1908 löste Kokoschkas Drama „Mörder, Hoffnung der Frauen“ einen Skandal aus. Die Wiener Kunstgewerbeschule setzte ihren Studenten vor die Türe. Nach dem mit „Perversität . . . gespickten Brunstschrei“ (so ein zeitgenössischer Kritiker über das Stück) war Österreichs junger Wilder auf das Thema Geschlechterkampf festgelegt.

Aus der Perspektive moderner Gender-Kritik irritiert viel an Kokoschkas Frühwerk, wie auch Görner weiß. Das Bekenntnis zu obsessiver Erotik war für den rebellischen Kokoschka nicht zuletzt ein Hebel der Provokation, um die gesellschaftlichen Verkrustungen der rückwärtsgewandten Donaumonarchie aufzubrechen.

Bräute aus Stoff

In Alma Mahler, der Witwe des Komponisten Gustav Mahler, trat das Faszinosum weiblicher Dominanz dann in das reale Leben des Malerdichters. Mit oft erzählten Folgen: Kokoschkas rasende Eifersucht auf den toten Gatten, Almas Abtreibung und schließlich 1913 die „Windsbraut“, jenes nachtblau aufgepeitschte Gemälde, das seinem Urheber einen Platz in der Kunstgeschichte sicherte.

Wagners „Tristan und Isolde“ hat das dramatische Paarbild ebenso inspiriert wie ein Seesturm auf einer Liebesreise mit Alma. Die Weltuntergangsstimmung im Hintergrund sollte dem Zweisamkeits­pathos die Ahnung  des baldigen Endes einzeichnen. In der Tat war Alma so schnell weg wie der Wind. 1915 heiratete sie den Architekten Walter Gropius.

Die Schilderung der Amour Fou ist das Herzstück von Görners penibel recherchiertem Buch. Im Briefwechsel zwischen dem Künstler und der Puppenmacherin Hermine Moos etwa kann man mitverfolgen, wie aus Pappmaché und Baumwollstoff ein obskures Ersatzobjekt der Begierde entstand. „Bitte machen Sie dem Tastgefühl möglich, sich an den Stellen zu erfreuen, wo die Fett- und Muskelschichten plötzlich einer sehnigen Hautdecke weichen.“ 1920 erst macht Kokoschka mit der Alma-Puppe Schluss. Er trennt ihr den Kopf ab und schmeißt sie in ein Blumenbeet, wo die Polizei das enthauptete Sexspielzeug für ein Mordopfer hält.

Der Band ist reich an überraschenden und manchmal bizarren Details, in der großen Linie allerdings hat Görner keine neuen Deutungen zu bieten. Da er außerdem komplett auf Abbildungen verzichtet, tappt, wer Kokoschkas Oeuvre nicht kennt, beim Lesen oftmals im Dunkeln. Dafür würdigt der studierte Germanist Görner ausführlich das literarische Schaffen Kokoschkas, das seinerzeit Theaterlegenden wie Max Reinhardt oder Heinrich George begeisterte.

 Doch auch hier machen überflüssige Exkurse und Bildungsmanierismen Görners biografische Darstellung zu einer schwer verdaulichen Lektüre. Zuletzt misslingt auch der Versuch, das Spätwerk des Malers zu retten. Denn nach 1945 begann Kokoschkas Karriere noch einmal, nun als Porträtist, dessen zur Biederkeit erstarrter expressiver Realismus im restaurativen Nachkriegsdeutschland gut ankam. Bundespräsident Theodor Heuss und Kanzler Konrad Adenauer saßen Kokoschka Modell. Wie viele Stürmer und Dränger endete auch der Meister der „Windsbraut“ als Staatskünstler.

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