Stuttgart Körperlose Körper

Stuttgart / CHRISTINA KIRSCH 29.03.2014
Transparente Gebilde aus geometrischen Formen zeigt das Kunstmuseum Stuttgart in der Ausstellung mit der Künstlerin Gego. Etwas konventioneller geht Luisa Richter auf ihren Bildern in die Fläche.

Linien können Räume öffnen. Linien weisen über das Gezeichnete hinaus und deuten in die Ferne. Oder sie durchkreuzen ebenmäßige Muster und Strukturen. Eine Meisterin der Linie im dreidimensionalen Raum war die Künstlerin Gertrud Goldschmidt, genannt Gego. Das Kunstmuseum Stuttgart widmet der 1994 verstorbenen Auswanderin eine Retrospektive mit über 100 Werken, die zuvor in Hamburg zu sehen war.

Gertrud Goldschmidt emigrierte 1939 nach Caracas, als es für sie in Deutschland aufgrund ihrer jüdischen Herkunft zu gefährlich wurde. Dort lebte auch die in Besigheim am Neckar geborene Luisa Richter, die es durch eine Heirat nach Venezuela verschlug. Die Frauen kannten sich. Für die Kuratorinnen des Kunstmuseums war das ein Anlass, die beiden unterschiedlich arbeitenden Künstlerinnen parallel zu präsentieren.

Gertrud Goldschmidt war zunächst Architektin. Von 1932 bis 1938 studierte sie an der Technischen Hochschule Stuttgart bei Paul Bonatz Architektur, die damals auch Ingenieurswissenschaften beinhaltete. Mit ihrem Mann betrieb Gego zeitweise ein Möbel- und Lampengeschäft in Caracas. Erst als 41-Jährige wandte sich nach ihrer Scheidung der bildenden Kunst zu. Die konstruktiven Grundlagen ihres Studiums sind in beinahe jedem ihrer Werke zu sehen.

Gego lotet darin den ein-, zwei- und dreidimensionalen Raum aus ohne poetisch zu werden. Formale Strenge bei größtmöglicher Transparenz zeichnet die Grafiken und Polyeder aus. So schweben im Kunstmuseum Raumgebilde über zwei Stockwerke, die den Titel "Esfera", Sphären, tragen.

Die Körper bestehen aus geraden Drahtstücken, die an den Kreuzungspunkten der Linien mit Quetschhülsen zusammen gehalten werden. Im Betrachten lösen sich die Konturen der Sphären auf und das Auge durchstreift mühelos die Innenräume dieser luftigen Vielecke. Selbst die "Troncos", so genannte Stämme, wirken nicht stämmig. Mit einem Stamm haben sie nur gemeinsam, dass sie auf einer Grundfläche stehen. Was hier empor wächst, ist gleichzeitig fragil und stabil. Bei Gego scheint die Geometrie als Raumplastik zu schweben.

Ins Unendliche windet sich eine Möbiusschleife aus schwarzen Bändern. Die Künstlerin sprach bei ihren dreidimensionalen Arbeiten nicht von Skulptur oder Körper, weil diese Begriffe von einem Volumen und einer Begrenzung ausgehen würden. Gego wollte fließende Räume ohne Hierarchie und ohne Zentrum. Auf den gezeigten Tuschezeichnungen geht Gego sparsam mit Farbe um. Die Flächen sind Ausschnitte aus Gitterstrukturen, Wellenkämmen oder Anordnungen von Zellen, die in Schwingung geraten sind. Gewebe scheinen gedehnt, Verwobenes aufgerissen und sich kräuselnde Wasserlinien durchbrochen. Das alles wirkt ungemein spannend. Gego begriff ihre Arbeiten als Erfahrungsräume, was auch die Titel wie "Autobiografia de una linea" (1965) andeuten. Elementare Bewegungsenergie ist mit wenigen Schwüngen umgesetzt.

Luisa Richter ist unverkennbar eine Schülerin Willi Baumeisters. Die Ausstellung zeigt in etwa 50 Arbeiten überwiegend nicht definierte Architektur in milchigen Farben wie Rosa und Grau. In diesen von ihr "Flächenräume" genannten Ansichten schieben sich abstrakt-geometrische Bausteine übereinander und ergeben eine Landschaftstiefe.

In einer zweiten Werkgruppe aus den 60er Jahren verarbeitete die 86-Jährige Ausrisse aus Illustrierten und Katalogen zu Collagen. Manchmal dienen Architekten-Pläne ihres Vaters als Ausgangsmaterial. Die schwebende Geometrie Gegos ist in dieser Doppelausstellung sicherlich der spannendere Part.

Zwei Künstlerinnen