Musik Prince, Madonna, Jackson: Götter des Pop

Ulm / Claudia Reicherter 16.08.2018
Vor 60 Jahren wurden Michael Jackson, Prince und Madonna geboren. Letztere ist die einzige Überlebende eines Dreigestirns.

Diese Punk-Göre in Spitzencorsage, Ray-Ban-Sonnenbrille und Kurzjackett mit Pyramiden-Applikation. Diese Kaugummiblasen schlagende Polaroid-Chaotin, die via Zeitungsannonce erst die Fantasie und dann das Leben der hübsch braven, romantisch unterversorgten und tödlich gelangweilten Mittelschicht-­Hausfrau Roberta (Rosanna Arquette) einnimmt.

Dieses unverschämt ausgefuchste und verführerische weibliche US-Gegenstück zu Christopher „Subway“ Lambert – so trat uns Madonna in der 1985 äußerst angesagten Kino-Komödie „Susan . . . verzweifelt gesucht“ entgegen. Der Soundtrack umfasst einen von Madonnas bis heute schönsten Hits: „Get Into The Groove“. Hits hatte Madonna Louise Ciccone seitdem viele, ebenso wie Michael Jackson und Prince. Sie sind „King“ und „Queen“ sowie das unbestrittene Wunderkind „of Pop“ – und sie alle kamen vor 60 Jahren zur Welt.

Imagewechsel gehört zum Image

Die aufrechte, unerschrockene, leicht angeranzte Susan spiegelt, wer Madonna damals tatsächlich war. Erst kürzlich wurden in Frankfurt Polaroids des 1988 verstorbenen Künstlers Jean-Michel Basquiat gezeigt, auf denen seine damalige Freundin Madonna genau so zu sehen ist. Etwas vernebelter vielleicht.

Erst ein Jahr zuvor hatte sie mit „Like A Virgin“ ihren ersten weltweiten Album-Hit, wurde mit damals mehr als fünf Millionen verkauften Tonträgern – heute sind es über 21 Millionen – zur erfolgreichsten Frau im Musikgeschäft. Später verwandelte sie sich in die zweite Marilyn, die Hippie-Mystikerin, den Bondage-Vamp. Der Imagewechsel gehört nach mehr als 30 Jahren an der Spitze fest zu ihrem Image.

Am 16. August 1958 im 35.000-Einwohner-Städtchen Bay City am Lake Huron, Michigan, geboren, wuchs das dritte von sechs Kindern einer musikalisch unauffälligen italienisch-frankokanadisch-­stämmigen Familie nicht unbeschwert auf. Mit fünf verlor „little Nonni“ ihre Mutter, als Achtjährige hasste sie es, dass ihr Vater wieder heiratete.

Vom Cheerleader zum Superstar

Das einsame Mädchen mit dem unbestimmten Bedürfnis, jemand zu sein, wurde Musterschülerin, Cheerleaderin, Tanz-Stipendiatin – und fand die Heimat bald klein und muffig. 1978 ging sie nach New York, wurde Dunkin-Donut-Bedienung und Schülerin an Alvin Aileys berühmter Tanzschule, spielte in Bands von Freunden. Ihr „Susan“-Leben war im kreativen Umfeld der New Yorker Clubwelt nicht ungewöhnlich – bis im Oktober 1982 ihre erste Single erschien.

 „Everybody“ und auch „Burning Up“ im März 1983 schossen auf Platz drei der Billboard-Hot-Dance-Club-Charts. Schon 1985 imitierten Mädchen und Frauen in aller Welt ihren von der Künstlerin Maripol kreierten Stil mit kurzem Rock über Caprihosen und Netzstrumpfhosen zum blondierten Lockenschopf.

Selbst die Kunst- und Musik-Avantgarde um Kim Gordon und Thurston Moore zollte ihr Anerkennung, mit der Band Ciccone Youth.  Electro-Pionier Moby erzählt in seiner Biografie ehrfürchtig vom DJ-Kollegen Mark Kamins als einer „Legende, die Madonna entdeckt hatte“. Mit Kommerz-König Michael Jackson ging die Szene ungnädiger um.

Einsamkeit, Schlafstörungen, Komplexe

Jacko, vor 60 Jahren zwei Wochen nach Madonna in Gary, Indiana, nahe Chicago, als achtes von zehn Kindern geboren, wuchs in einer Musikerfamilie auf und wurde vom Kinderstar zum Teen-Idol. Er sang schon mit sechs bei den Jackson Brothers, die ein Jahr drauf The Jackson Five wurden. Zwischen seinem 10. und 12. Lebensjahr veröffentlichte er mit seinen Brüdern unter der Ägide des strengen Vaters „Big Boy“ – und drei weitere Chart-Hits.

Doch hat der Mann, der mit mehr als 66 Millionen verkauften Exemplaren von „Thriller“ den Rekord des bestverkauften Albums aller Zeiten hält, mit Madonna manches gemeinsam: das Gefühl von Einsamkeit als Kind und Jugendlicher, die Schlafstörungen, die Komplexe.

Während Madonna an ihrer Mezzosopran-Stimme zweifelte, war Michael Jackson mit seinem Aussehen unzufrieden. Deshalb ließ sich der Schöpfer von Bestseller-Alben zwischen „Got To Be There“ (1972), „Thriller (1982), „Bad“ (1987), „Dangerous“ (1992), „HIStory (1995) und „Invincible“ (2001) zu einer Karikatur seiner selbst operieren.

Den eigenen Ruhm ruiniert

Für US-Medienwissenschaftler Robert Thompson ist er das Paradebeispiel eines Künstlers, den der eigene Ruhm ruinierte. „Er kam an den Punkt, da er so reich, so mächtig und so berühmt geworden war, dass es ihm möglich war, sich von jeglicher Realität zurückzuziehen.“ Als Musiker, Tänzer und Entertainer hatte er vielleicht zehnmal mehr Talent als Madonna, meint der Professor von der University of Syracuse.

Doch der „King of Pop“ starb schon 2009 – mit nicht mal 51 – an den Folgen einer Medikamentenüberdosis. Und nach Vorwürfen des Kindesmissbrauchs in den 90er Jahren war Jacksons lange alles überstrahlender Stern bereits zum 50. Geburtstag im Sinken begriffen. Trotz des Freispruchs 2005 in einem Gerichtsverfahren, das in den USA 18 Monate lang die Nachrichten beherrschte. Madonna hingegen gelang es dank ihrer „chamäleonartigen Anpassungsfähigkeit“, über den gleichen Zeitraum hinweg „kreativ und relevant“ zu bleiben.

Sänger, Komponist, Produzent, Filmemacher: Prince

Gleiches gilt für Prince, der 1958 zweieinhalb Monate vor Madonna in Minneapolis, Michigan, auf die Welt kam, wo er auch blieb und ein riesiges Studio baute. Prince Rogers Nelson komplettiert das royale Dreigestirn am ewigen Pop-Himmel. Er starb für viele überraschend 2016 mit 57 Jahren, ebenfalls an den Folgen einer medikamentösen Überdosierung. 

Der Sänger, dessen Stimme von Falsett bis Bariton reichte, war Songwriter und Produzent („Little Red Corvette“, „U Got The Look“, „Sexy M.F.“), Filmemacher (für „Purple Rain“ gab es 1984 einen Oscar) und Komponist zahlreicher Hits (etwa „Nothing Compares 2 U“, mit dem Sinead O’Connor berühmt wurde). Er hat sich wie Madonna stets neu erfunden und dabei sogar mehrfach den Namen gewechselt. Sheila E sagt über ihn in der Doku „Sexy Motherf*****“: „Zu jeder neuen Platte änderte er seinen Look und seine Musik, deshalb wurde er so berühmt.“ 

Zudem förderte er Kollegen: von Sheena Easton bis 3rdeyegirl. Künstlerisch war Prince unanfechtbar, musikalisch unübertroffen. Mit 39 Studioalben und 29 Tourneen in 41 aktiven Jahren ist der Multiinstrumentalist der produktivste und vielfältigste unter den drei Pop-Ikonen. Kommerziell jedoch bleibt er hinter seinen Co-Eminenzen zurück.

Wer kann in solche Fußstapfen treten?

Die Frage, wer in die Fußstapfen dieser großen Drei treten könnte, stellte sich immer wieder. Janet Jackson, JLo, Britney Spears, Taylor Swift, Mariah Carey, die ihnen in den ewigen Top 100 der amerikanischen Billboard-Charts nahekommen, fehlt’s an Langlebigkeit und Vielfalt. Gleiches gilt für Rapper Drake, der mit seinem neuen Album in den Charts jüngst die Beatles und Michael Jackson vom Thron stieß.

Eminem, Usher, Justin Timberlake? Zu wenig Wandel. Pink, Lily Allen, Pharrell Williams, Bruno Mars? Zu wenig Show. Kendrick Lamar, Rihanna und „The Carters“ (Beyoncé Knowles und ihr Ehemann Jay-Z) kommen als Monster-Superstars der Nach-90er am ehesten in Frage. Seit „Lemonade“ und dem gemeinsamen Konzert Ende Juni in Berlin wird vor allem immer wieder Beyoncé als neue „Königin“ genannt.

Sex, Aids, Armut, Drogen

Bisher aber bleiben Michael Jackson, Prince und Madonna die alles überragenden Performer. Sie waren oder sind stilbildende Provokateure, griffen Themen auf, an die sich andere nicht heranwagten: Sex, Aids, Armut, Drogen, Diskriminierung, Gewalt. Sie stehen für neue Dimensionen in Live-Shows und Video-Kunst. Wie Michael Jackson und Madonna setzte sich auch Prince umfassend für karitative Zwecke ein, allerdings leiser. Er blieb bis zu seinem viel zu frühen Tod auf der Erfolgswelle, die Madonna, die einzig Überlebende, noch immer reitet. Ihr Aufstieg war zwar kometenhaft wie der Basquiats, aber der Absturz blieb aus.

Aktuell bastelt die „Queen of Pop“  in ihrer Wahlheimat Lissabon an neuem Material. Noch dieses Jahr soll der Nachfolger ihrer bislang 13 Studioalben erscheinen. Und fürs nächste Glastonbury Festival wird sie als Headliner gehandelt.

„Thriller“-Zombie und „Moonwalker“ Jacko meldet sich zum 60. gewissermaßen aus der Gruft zurück: Er ist auf Drakes aktuellem Erfolgs-Album „Scorpion“ zu hören, noch bis Oktober in der Londoner National Portrait Gallery zu sehen, und wer will, kann mit Michael Jacksons Kindern und Fans aus aller Welt am 29. August in Las Vegas feiern: „The Diamond Celebration“. 2020 soll es dann ein Broadway-Musical über sein Leben geben. Na dann: Prost!

Zur Person


Madonna
Geboren am 16. August 1958
Bühnenjahre: 40
Verkaufte Platten: > 300 Millionen
Hits in den Billboard-Charts: 57 
Davon auf Platz eins: 12
zweimal verheiratet, sechs Kinder

Michael Jackson
29. August 1958 - 25. Juni 2009
Bühnenjahre: 44
Verkaufte Platten: > 350 Millionen
Hits in den Billbord-Charts: 51
Davon auf Platz eins: 13
zweimal verheiratet, drei Kinder

Prince
7. Juni 1958 - 21. April 2009
Bühnenjahre: 40
Verkaufte Platten: > 100 Millionen
Hits in den Billboard-Charts: 46
Davon auf Platz eins: 5
zweimal verheiratet, ein Kind
(starb kurz nach der Geburt)

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