Ulm / Burkhard Schäfer  Uhr

Ihr Klang verströme eine „eigenartige Herbheit, kompakt, etwas heiser, mit dem Nachgeschmack von Holz, Erde und Gerbsäure“, befand György Ligeti. Tatsächlich ist die Viola ein inniges Instrument, das schon die Romantiker in ihren Bann geschlagen hat. Drei großartige Bratschenwerke aus dem 19. Jahrhundert sind auf einer Naxos-CD zu hören: zunächst Sonaten von Georges Onslow (1826) und Felix Mendelssohn Bartholdy (1824), dann die „Sechs Nocturnes“ von Johann Wenzel Kalliwoda (1852). Solistin ist die Wahl-Berlinerin Hiyoli Togawa. Begleitet wird sie von der aus Armenien stammenden Pianistin Lilit Grigoryan. Den Interpretinnen gelingen packend-emotionale Lesarten dieser herb-süßen Werke, die man genießen kann wie exquisiten Rotwein.

Frau Togawa, was kann die Viola, das andere Instrumente nicht können?

Die Bratsche wurde erstmals in der frühen Romantik erkannt als ein Instrument, das mit seiner dunklen, schwarzen C-Saite und der strahlenden Höhe der A-Saite eine enorme Spannweite an Klangfarben aufweist und dadurch in der Lage ist, die Höhen und Tiefen des Lebens auszudrücken. Diesen Klang hervorzubringen ist für mich jedes Mal so, als würde ich nach Hause kommen – als würde ich meiner Seele eine Stimme geben. Mit den Werken der CD kann ich genau dieses wunderbare Gefühl mit den Hörern teilen.

Welche Emotionen weckt die Mendelssohn-Sonate?

Ich finde, es ist eine der größten Aufgaben, die uns im Leben gestellt wird, mit unserer Seele und unserem Inneren in Verbindung zu kommen, diese zu kennen und zu erkennen. Dazu gehört ein tägliches In-Sich-Hineinhören genauso wie ein hoher Grad an Achtsamkeit. Mendelssohn nimmt uns mit auf eine Reise durch das Innere. Mal tobt es, als wäre ich auf hoher See und mal finde ich inneren Frieden. Hier habe ich das Gefühl, dass der 15-jährige Mendelssohn schon alles darüber wusste . . .

Und in welchen Seelenbereichen spielen die Werke von Onslow und Kalliwoda?

Onslows Sonate erinnert mich an ein Glas guten Champagners. Die Bläschen steigen so schnell auf und es gibt diese sprudelnde, jugendliche Energie, die ansteckend ist. Kalliwodas Nocturnes vertonen den Schwebezustand der Nacht: den Übergang zwischen Realität und Traum, in dem Menschen vom Äußeren zurückzukehren zu sich, ins Innere. Die Ruhe, die der verklingende Tag mit sich bringt, offenbart eine Welt an Farben, Fantasien, Gefühlen. Mal erklingt Liebesgeflüster, und mal packt mich der Ernst des Lebens.