Vor der Kulisse der Rocky Mountains spielen im kanadischen Banff alle drei Jahre Streichquartette aus aller Welt um die Wette. Wer dort siegt, macht internationale Karriere. Für das Publikum der Kammermusikreihe „klassisch!“ ist „Banff-Gewinner“ schon zum Markenzeichen geworden, nach dem Rolston String Quartet und dem Dover Quartet war jetzt das Marmen Quartet zu Gast im voll besetzten Stadthaus.

Die jubelnden Zuhörer staunten. Vielleicht war das früher mal ein Klischee: Die Jungen sind technisch perfekt, müssen aber natürlich noch mit viel Lebenserfahrung in ihrer künstlerischen Klasse reifen, bis sie gewissermaßen ins Innere der Musik vordringen . . . Dieses Quartett mit Johannes Marmen, Ricky Gore (Violinen), Bryony Gibson-Cornish (Vio­la) und Steffan Morris (Cello), das sich am Royal College of Music in London gründete und verwurzelt ist in Schweden bis Neuseeland, agierte technisch tatsächlich virtuos. Rasante Tempi, verschworen exakt in der Intonation, spielerisch alle avancierten Launen in György Ligetis 1. Streichquartett „Métarmorphoses nocturnes“ auskostend.

Nicht nur technisch virtuos

Aber das Marmen Quartet überzeugte nicht minder mit seinem interpretatorischen Zugriff; es machte mit intellektueller Schärfe und beredt erzählend Ton für Ton aus Joseph Haydns Streichquartett B-Dur op. 50,1 geradezu eine moderne Humoreske. Der Eindruck: ein Werk mit äußerst reduzierten Mitteln, das scheinbar formal-banal daherkommt, nur dass immer etwas völlig Überraschendes passiert, irgendeiner aus dem Quartett ausreißt, querschießt, die anderen überrumpelt. Großartig.

Der Ligeti, knapp 170 Jahre älter, passte ideal dazu. Auch ein Werk, das eine ganze Menge an Geschichten erzählt, das mit Konventionen spielt, sie mal ernst, mal mit Witz hintergeht. Wobei sich eine klagend-lyrische Stimme leitmotivisch meldet und das ganze Tun befragt. Eine atemraubende Streicher-Aktion, dieses Werk. Und nach der Pause die Romantik: Felix Mendelssohn Bartholdys Streichquartett op. 80, sein letztes. Es beginnt flirrend, spukend wie der „Sommernachtstraum“. Aber jetzt ist nichts mehr heiter-komödiantisch. Es ist Trauer, eine geradezu wütende. Ein verzweifeltes Requiem auf den Tod seiner Schwester Fanny. Und das klang im Stadthaus, den Ligeti noch im Ohr, dramatisch: mit kaum Vibrato sehr modern, leidenschaftsvoll, existenziell. Wer bis dahin noch den sanften, innerlichen Ton vermisste beim Marmen Quartet: Der kam im Adagio.

Und die Zugabe führte, wunderbar, in den Himmel. Johannes Marmen war sich sicher, dass dort gewissermaßen göttlich nur ein Streichquartett trösten könne: Sehr berührend erklang das Andante cantabile aus Wolfgang Amadeus Mozarts G-Streichquartett KV 387.