BURKHARD SCHÄFER

Der Name Erich Wolfgang Korngold ist vielen Klassik-Hörern allenfalls im Zusammenhang mit seiner Oper "Die tote Stadt" (1920) und seinen im US-amerikanischen Exil entstandenen Filmmusiken ein Begriff. Dass der 1897 in Brünn geborene und 1957 in Los Angeles gestorbene Künstler jüdischer Abstammung ein begnadeter Komponist substanzieller Kammermusik war, offenbart diese beim Stuttgarter Label "Tacet Musikproduktion" erschienene CD aufs Schönste. Zu hören sind das ungemein raffinierte, duftend-schwebende Streichsextett D-Dur op. 10 - ein reifes Frühwerk des 19-Jährigen - und das Klavierquintett E-Dur op. 15 aus dem Jahr 1921/22. Korngolds Spielanleitung zum ersten Satz dieses herrlichen Werkes "mit schwungvoll-blühendem Ausdruck" nehmen die kongenial aufspielenden Interpreten der Camerata Freden beim Wort. Sie zelebrieren die Werke mit einer Lust, die ansteckend wirkt. Wunderbar!

Drei Fragen an...

Adrian Adlam, Erster Geiger der Camerata Freden

Warum haben es diese beiden herrlichen Kammerwerke nicht in das gängige Konzertrepertoire geschafft?

ADRIAN ADLAM: Korngolds Musik hatte nach seiner Tätigkeit in Hollywood unter dem Vorurteil unterhaltsamer Filmmusik gelitten und wurde deswegen lange Zeit nicht ernst genommen. Ich bin der Ansicht, dass wir erst allmählich verstehen, wie bemerkenswert Korngolds Talent und Expertentum tatsächlich waren. Die spieltechnische Herausforderung der Werke sollte man nicht unterschätzen.

Vor welchem Hintergrund sind die Kompositionen entstanden?

ADLAM: Als Sohn des Musikkritikers Julius Korngold wuchs der junge Erich in einem sehr künstlerischen Haushalt auf. Sowohl sein Vater als auch Eduard Hanslick, ein einflussreicher Kollege des Vaters, hatten eher konservative Meinungen bezüglich des musikalischen Formaufbaus, und dies ist wahrscheinlich auch in den verhältnismäßig jugendlichen Werken zu spüren.

Die tonal empfundenen Werke entstanden zu einer Zeit, als andere Komponisten bereits atonal komponierten. Ist das auf Höhe der Zeit?

ADLAM: Meiner Meinung nach besteht überhaupt kein Zweifel daran, dass diese Musik ihre Zeit widerspiegelt. Natürlich haben Zeitgenossen abstraktere und auch provokantere Werke komponiert, dennoch reflektiert Korngolds Musik nicht nur den Geist Wiens zur Zeit der Jahrhundertwende, sondern auch die harmonische Reife und Raffinesse, die sicherlich auch Schönberg nicht unberührt gelassen hätte.