„So sehr wir heute der Romantik in der Musik überdrüssig sind, so bleibt nicht weniger wahr, dass die Musik an sich ihrem eigensten Wesen nach romantisch ist“, schrieb Ernst Toch (1887–1964) in seinem „Glaubensbekenntnis eines Komponisten“. Den schönsten Beweis für dieses scheinbare Paradoxon lieferte der gebürtige Wiener jüdischen Glaubens, der 1933 ins Exil ging, mit seinen Klavierwerken, vor allem denjenigen, die in der Zwischenkriegszeit entstanden. Die Musikwelt hat diese von romantischen Konventionen weitgehend befreiten, gleichwohl hoch expressiven Werke wie etwa die „Burlesken“ op. 31, „Capriccetti“ op. 36 oder die Sonate op. 47 bislang sträflich ignoriert. Jetzt hat die ebenfalls aus Wien stammende Pianistin Anna Magdalena Kokits diese Musik für sich entdeckt und für das Label Capriccio eingespielt. Wie sie die Miniaturen zum Sprechen bringt, ihnen Witz und warmes Leben einhaucht, ist phänomenal.

Frau Kokits, wie sind Sie auf Tochs Klavierwerke aufmerksam geworden?

Meine erste Begegnung mit seiner Musik war die berühmte „Fuge aus der Geographie“, an der ich als Jugendliche mitwirkte. Schon damals war ich begeistert. Die Bedeutung dieses Komponisten wurde mir jedoch erst später bewusst, als ich seine Cellosonate op. 50 für eine Aufnahme studierte. Dieses Werk hat mich neugierig gemacht.

Was ist das Charakteristische an Tochs Tonsprache?

Toch ist ein Meister der Miniatur. Er reduziert auf das Wesentliche, weshalb jede Note den Eindruck absoluter Notwendigkeit vermittelt. In Stücken wie den „Kleinstadtbildern“ op. 49 kommt diese Kunstfertigkeit besonders schön zum Ausdruck: mit wenigen Pinselstrichen lässt Toch aussagekräftige, oft humorvolle Charakterbilder entstehen. Diese klare musikalische Sprache und die Selbstverständlichkeit, mit der sie sich auf dem Klavier ausdrückt, faszinieren mich.

Wie ist es für Sie als Interpretin, pianistisches Neuland zu betreten?

Die Entdeckung neuer oder in Vergessenheit geratener Musik ist immer eine unglaublich spannende Reise, insbesondere auch deshalb, weil es keine oder wenig Referenzaufnahmen gibt. Das ermöglicht es, einen ganz unmittelbaren, persönlichen Zugang zu dieser Musik zu finden. Über Toch lese ich auch sehr viel und habe das Glück, seinen Enkelsohn zu kennen, mit dem ich viele Gespräche geführt habe. Beides gibt mir das Gefühl einer persönlichen Verbindung, die ich als sehr wertvoll empfinde und die sich sicherlich auch in meinem Zugang zu seiner Musik widerspiegelt.