KLASSISCH: Juwelen des Liedgesangs

BURKHARD SCHÄFER 09.06.2012

Der Komponist Rudi Stephan (1887-1915) galt als einer der großen Hoffnungsträger seiner Zunft, sein früher "Heldentod" in den Schützengräben des Ersten Weltkriegs war ein unermesslicher Verlust für die europäische Musikszene. Tragischerweise ging dann im Zweiten Weltkrieg auch noch Stephans gesamter Nachlass in Flammen auf, so dass allein von seinen mehr als 50 komponierten Liedern nur 20 überliefert wurden. Dass dieser Schatz erst jetzt, rund 100 Jahre nach Stephans Tod, zum ersten Mal vollständig auf CD vorliegt, ist im Grunde unfassbar, und das umso mehr, als es sich hier um hoch originelle und absolut bezwingende Beiträge zum deutschen Kunstlied in der Tradition von Schumann bis Pfitzner handelt. Sophie Harmsen (Mezzosopran), Alexander Vassiliev (Bass), Miri Yampolsky (Klavier) und Ryoko Morooka (Harmonium) tauchen die Lieder in ein faszinierend spätromantisch-frühexpressionistisches Zwielicht und errichten mit ihrer nicht genug zu rühmenden diskografischen Großtat ein würdiges posthumes Denkmal für den komponierenden Schicksalsgenossen von Georg Trakl und Franz Marc (erschienen bei MDG).

Drei Fragen an . . .

. . . den Sänger Alexander Vassiliev

Wie ist es möglich, dass ein solcher Liederschatz erst jetzt auf CD dokumentiert wird?

Zum einen hat das unbarmherzige Schicksal alles getan, um Stephans Werk auszulöschen. Zum anderen sind Orchesterwerke die üblichen "Stars" eines jeden kompositorischen Gesamtwerkes, während die Kammermusik oft in deren Schatten steht und das Liedschaffen gar stiefmütterlich behandelt wird. Die fehlende Bekanntheit der Werke hat mit dem Grad ihrer Intimität zu tun.

Was ist das Charakteristische an den Liedern von Rudi Stephan und welche besonderen Anforderungen stellen diese an die Interpreten?

Auffallend ist deren eigenwillige Harmonik sowie Stephans Fähigkeit, mit wenig Mitteln stärksten Ausdruck zu erreichen. Doch gerade die scheinbare Schlichtheit vieler Lieder wird zur größten sängerischen Herausforderung. Oft hat man auch lange Phrasen in mehreren Piano-Abstufungen zu meistern, kaum vom Klavier unterstützt.

Der kürzlich verstorbene Dietrich Fischer-Dieskau hat in einem Interview gesagt, die Tradition des Liedgesangs sei in Deutschland tot. Wie denken Sie darüber?

Tot scheint hier leider das häusliche, private Singen zu sein - im Unterschied zu andern Ländern. Ich denke aber, das Kunstlied hat nach wie vor Konjunktur, auch beim sängerischen Nachwuchs. Es gibt also Hoffnung für den Lied-Standort Deutschland.