Als er 20 war, unterbrach er sein Studium. „Aus Jux und Tollerei“ hatte Isang Enders der Sächsischen Staatskapelle vorgespielt, „und kaum hatte ich mich versehen, saß ich da als 1. Konzertmeister der Violoncelli. Ein Schicksalsschlag.“

2012 verließ er Dresden wieder, weil er andere musikalische Felder entdecken wollte, aber auch weil sich der Sohn einer deutsch-koreanischen Musikerfamilie, den man auf der Straße als „Fidschi“ anpöbelte, dort nicht wohlfühlte. Der heute 31-jährige Enders gehört zur ersten Garde der jungen Cellisten, spielt international erfolgreich, auch als Kammermusiker. Der Telefonanruf erreicht ihn in London, wo er gerade mit dem Sitkovetsky Trio Werke von Ravel und Satie auf CD einspielt. Nächsten Mittwoch, 18. September, eröffnet Enders mit dem Pianisten Severin von Eckardstein die Saison der „klassisch!“-Konzerte im Stadthaus.

Herr Enders, der Erfolg der AfD bei den Landtagswahlen in Sachsen ist für Sie gewiss keine Überraschung.

Isang Enders: Nein. Obwohl ich mich als deutscher Musiker in Dresden voll integriert fühlte in dieser Kultur, sah ich mich mit dem Konflikt konfrontiert, äußer­lich nicht akzeptiert zu sein. Ja, mir schlug teils offener Rassismus entgegen.

Was ist das für ein Klima?

In Dresden wird die Traditionskultur konserviert. Die Stadt ist ein Freilichtmuseum, innovative Ansätze sind nicht gewollt – viele Touristen fahren genau deshalb dorthin.

Skandal und Tradition

Kann die Musik gegensteuern?

Vieles, was heute als konservativ gilt, war einst fortschrittlich, manchmal ein Skandal. Das ist immer eine Frage des Blickwinkels. Ich hatte das Glück, in Asien die Erstaufführungen der Cello-Konzerte von Dutilleux und Lutoslawski zu spielen – gut 50 Jahre alte Werke! Und das in technisch progressiven Ländern, das ist noch ein ganz anderes Level des Konservativen. Da müssen viele Vorbehalte gegenüber der Musik ausgeräumt werden. Aber diese Konfrontation wirkt.

Auch Ludwig van Beethoven war ja mal ein Avantgardist.

Er hat die Dialektik eines Hegel oder Fichte übersetzt ins musikalische Material. Es geht um philosophische Aspekte, humanistische Werte: Den Menschen gesellschaftlich weiterzubringen, war auch Beethovens Ziel. Die Errungenschaften der Französischen Revolution, die noch gar nicht so sichtbar, erfahrbar waren, verarbeitete er in seiner Musik. Sie ist vom Freiheitsgedanken durchdrungen. Deshalb ist diese Musik noch heute so gültig und trifft den Hörer ins Mark.

Cello und Tonband

Nach Ulm bringen Sie auch neue Musik mit: „Suya Dalmak“, ein Werk für Cello und Tonband. Was ist das Besondere daran?

Charlotte Bray ist eine junge Britin, der ich vor einigen Jahren den Auftrag gab, ein Werk über das Element Wasser zu komponieren. Es beschreibt den Umgang ganz unterschiedlicher Menschen mit dem Wasser – „Suya Dalmak“ ist türkisch und bedeutet „eintauchen“. Meine Motivation war, die Möglichkeiten des Cellos zu erweitern. Es ist ein Erlebnis.

Wer hat Ihr Cello gebaut?

Jean Baptiste Vuillaume im Paris des Jahres 1840. Ich hatte sehr lange gesucht, und dann war es für mich eine große Entdeckung, dass ein Instrument einen Menschen verändern, sein Selbstbewusstsein stärken kann. Man muss sich natürlich in dem Klang eines Cellos wiederfinden, aber dieses Vuillaume gibt einem das Gefühl ungemeiner Sicherheit.

Wie klingt es?

Was mich an diesem französischen Instrument begeistert, ist seine unglaubliche Sanglichkeit, sein baritonales Timbre und auch seine Konsequenz, sein Charakter. Es hat eine Form von Jugend, eine andere Strahlkraft als ein altes Cello aus Italien, das man vielleicht mit einem guten alten Rotwein vergleichen könnte.

Und was schätzen Sie besonders an ihrem Klavier-Partner Severin von Eckardstein?

Severin ist „der Pianist der Pianisten“, wie einmal gesagt wurde, ein Wahnsinns-Spieler, der in seiner eigenen Welt zu leben scheint, der etwas Glenn-Gould-haftes besitzt. Er gehört zu den Menschen, die besonders herzlich und offen sind, wenn man zu ihnen eine Nähe und ein Vertrauten aufgebaut hat, wenn man zu ihnen vorgedrungen ist. Ihm geht’s nur um die Musik, mit einer ganz besonderen Hingabe. Das ist sehr inspirierend für mich.

Auch Werke von zwei Komponistinnen


Für ihr Konzert am Mittwoch, 18. September, 20 Uhr, im Stadthaus haben Isang Enders und Severin von Eckardstein ein Programm zusammengestellt, das eine kleine Geschichte der Entwicklung der Musik für Cello und Klavier präsentiert – und beide Künstler zudem auch solistisch vorstellt. Eingebettet zwischen Mendelssohn Bartholdy und Beethoven sind auch Stücke von zwei Komponistinnen zu erleben: von Galina Ustwolskaja und Charlotte Bray. Karten bei der SÜDWEST PRESSE und auf südwestpresse.de/ticketshop