Klassisch: Intime finnische Quartettkunst

BURKHARD SCHÄFER 23.07.2016

Jean Sibelius ist auf der ganzen Welt berühmt – vor allem für seine Sinfonien, Tondichtungen und das Violinkonzert. Dass er auch substanzielle Kammermusik komponiert und vor allem die Gattung Streichquartett um ein so originäres wie rätselhaftes und eigensinniges Stück – „Voces Intimae“ d-Moll, op. 56 – bereichert hat, wird dabei oft vergessen. Noch weniger bekannt ist, dass der große Finne schon 1889 ein Streichquartett vorlegte, in a-Moll, und zwar als Abschlussarbeit seines Studiums in Helsinki. Beide Werke präsentiert das Leipziger Streichquartett (Conrad Muck und Tilman Büning, Violine; Ivo Bauer, Viola und Matthias Moosdorf, Cello) auf ihrer nun beim Label MDG erschienenen CD. Das für seinen „Leipziger Sound“ berühmte Ensemble – hier erstmals ohne seinen einstigen Primarius Stefan Arzberger zu hören – lässt sich sozusagen mit Haut und Haar auf den finnischen Akzent von Sibelius‘ Musik ein und bringt selbst die geheimsten inneren Stimmen dieser wunderbaren Werke zum Klingen.

Drei Fragen an…

… den Cellisten Matthias  Moosdorf

Herr Moosdorf, wie haben Sie sich Sibelius‘ Tonsprache angenähert?

Wir bemühen uns bei jedem Komponisten um die klanglich angemessene Herangehensweise. Schließlich ist der Klang die persönlichste Zutat zur textlichen Überlieferung. Sibelius’ Tonsprache ist romantisch, nordisch, herb und sehr individuell. Dies äußert sich jedoch mehr in der Form und Faktur des Satzes, der fremden Harmonik und Phrasenbildung. Eine gewisse Verlorenheit liegt über dieser Musik. Wir haben diese Sprache als eine Bereicherung empfunden.

Wie äußern sich die inneren Stimmen im „Voces Intimae“-Quartett?

Der musikalische Fluss hält an, jäh unterbrochen von dunklen Ahnungen. Es fühlt sich beim Spielen an, wie es sich anhört: als würde eine innere Gegenwelt, in ihrer Ruhe gestört, sich bemerkbar machen. Man kann das nicht eins zu eins umsetzen. Wie immer in der Kunst, ist diese Gegenwelt stilisiert, allerdings hat sich Sibelius mit den Bezeichnungen von Dynamik und Rhythmus differenziert geäußert. Manches klingt nach Zweifel, der langsame Satz endet gar in Verzweiflung.

Das frühe Quartett schlägt dagegen ganz andere Töne an, oder?

Ja, das a-Moll-Quartett ist viel konventioneller in seiner Sprache: jugendlich, frisch, voller Talent und Überschwang. Hier begegnet uns ein eigener Kopf, der es versteht, einen weiten Bogen in einem Guss zu ziehen. Zweifel hören wir hier nicht, wohl aber innige Inseln der Ruhe, fast wie ein Kind im Einschlummern. Wir finden in diesem Stück einen guten Einstieg in Sibelius‘ Kammermusik. Das Privileg der Jugend ist es, die Dinge beim Namen zu nennen.