Mannheim Klassisch: Große russische Oper

Dirigent Thomas Sanderling.
Dirigent Thomas Sanderling. © Foto: Privat
Mannheim / BURKHARD SCHÄFER 22.10.2015
Am 9. Mai 2013 schrieb Mannheim Musikgeschichte. An diesem Tag kam dort, fast 30 Jahre nach ihrer Entstehung, die Oper "Der Idiot" von Mieczyslaw Weinberg (1919-1996) in der Regie von Regula Gerber zur Uraufführung.

Am 9. Mai 2013 schrieb Mannheim Musikgeschichte. An diesem Tag kam dort, fast 30 Jahre nach ihrer Entstehung, die Oper "Der Idiot" von Mieczyslaw Weinberg (1919-1996) in der Regie von Regula Gerber zur Uraufführung. Eine der intensivsten, besten, gedanklich tiefsten, dabei bühnenwirksamsten Opern des 20. Jahrhunderts fand endlich die Anerkennung, die dem Werk und seinem Schöpfer gebührt. Am Dirigentenpult stand Thomas Sanderling, der das Orchester des Nationaltheaters leitete. Jetzt liefert das Label Pan Classics auf drei CDs diese Produktion als Gesamteinspielung (Vertrieb: Note 1). Die Aufnahme ist ein Glücksfall: zumal auch die Sängerinnen und Sänger (Juhan Tralla als Fürst Myschkin, Steven Scheschareg als Rogoschin und Ludmila Slepneva als Nastassja Filippowna Baraschkowa) mit einer Leidenschaft und Kraft agieren, als gälte es, das jahrzehntelange Ignorieren, Vergessen und Verdrängen von Weinbergs Musik ein für alle Mal wiedergutzumachen.

Drei Fragen an...

... Dirigent Thomas Sanderling

Was bedeutet Ihnen der Komponist Mieczyslaw Weinberg?
Er spielt eine ganz wichtige Rolle in meinem Leben. Mein Vater hat Weinbergs zweite Sinfonie uraufgeführt, mein Geigenlehrer die fünfte Violinsonate. Den wichtigsten Anstoß, mich mit seiner Musik zu beschäftigen, bekam ich aber von Schostakowitschs Witwe Irina. Sie war es auch, die mir die Uraufführung von "Der Idiot" ans Herz legte. In Kürze werde ich am Mariinsky-Theater auch die russische Erstaufführung dirigieren.

Welchen Stellenwert nimmt "Der Idiot" im Werk von Weinberg ein?
Er hat sechs Opern geschrieben, "Die Passagierin" ist seine erste, "Der Idiot" seine letzte. Alle diese Bühnenwerke sind völlig unterschiedlich, ja einzigartig. Das gilt aber auch für seine 21 Sinfonien und 17 Streichquartette. Als Dirigent von Weinbergs Opern braucht man einen sehr genauen Überblick über sein gesamtmusikalisches Schaffen, zumal sein Werk keiner Richtung, keiner Schule zuzuordnen ist. Der Komponist steht ähnlich solitär in der musikalischen Landschaft wie etwa Sibelius.

Was hat Sie an dem "Idioten" gereizt, vielleicht auch irritiert?
Zunächst einmal habe ich mich gefragt, wie man einen so ungeheuer epischen Romanstoff überhaupt als Oper gestalten kann. Und ich muss sagen: Weinberg und sein Librettist haben die Aufgabe phänomenal gelöst. Je mehr ich mich mit dem Werk beschäftige, desto mehr empfinde ich, dass Weinberg sich mit dem Idioten Fürst Myschkin identifiziert, da er sich genau wie dieser weigert, die negativen und destruktiven Kräfte der Realität anzuerkennen.

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