Dem letzten Satz seines letzten Streichquartetts op. 135 verpasste Ludwig van Beethoven eine ungewöhnliche Überschrift: „Der schwer gefasste Entschluss“. Was immer der Komponist sich im Frühherbst 1826 dabei gedacht haben mag – an diesem „klassisch!“-Abend mit dem Cuarteto Quiroga trafen diese Worte auch die Lage der Veranstalter in Zeiten der fortschreitenden Coronavirus-Gefahr. Erst als die Stadt Ulm am Dienstag signalisiert hatte, die „Denkanstöße“ im Stadthaus nicht abzusagen, gab die SÜDWEST PRESSE das Okay für den Auftritt in diesem Saal.

Das Cuarteto Quiroga flog aus Madrid an, kam gelassen nach Ulm und spielte vor Lücken in den Abonnentenreihen. Wer da war, erlebte ein begeisterndes Konzert: Jubelrufe am Ende. Was den zupackend anführenden Aitor Hevia und seine Mitstreiter Cibrán Sierra (Violine), Josep Puchades (Bratsche) sowie Helena Poggio (Cello) auszeichnete, war zunächst mal ein gediegen voluminöser, satter Streicher-Sound. Es kam dann freilich noch die technisch virtuose Attacke hinzu.

Komposition für den König

Das Programm war schlüssig aufgebaut, mit einem gewaltigen Kontrast vor der Pause: ein schlichtes, aber hoch interessantes Streichquartett in B-Dur von Gaetano Brunetti. Ein Haydn-Zeitgenosse, der in Madrid für den Cello spielenden König Carlos IV. zahllose Werke komponiert hatte. Mit Furor danach das 1948 uraufgeführte 1. Streichquartett des Argentiniers Alberto Ginastera: ein rhythmischer Angriff aus dem Geiste von Strawinsky und Bartók, aber in südamerikanischer Atmosphäre. Atemraubend. Beethovens Streichquartett op. 135 war dann durchdachte Klassik, modern aufgezogen, aber wie gesagt leidenschaftlich klangvoll. Berührend der dritte Satz, der wunderbare innige Beethoven-Gesang.

Und dann „der schwer gefasste Entschluss“ – in die Noten hatte Beethoven zudem das Motto „Muss es sein? – Es muss sein!“ geschrieben. Ein schicksalhaftes Ringen in der Musik. Bestechend gespielt von den Spaniern. Und als Zugabe noch eine rustikal herzhafte, tänzerische Volksliedbearbeitung aus dem Nordwesten Spaniens, aus Galicien. Von dort stammt der Namensgeber des Quartetts, der Geigenvirtuose Manuel Quiroga.

„Muss es sein?“ Natürlich muss sie sein, die Musik – nur dass man sie in nächster Zeit vielleicht besser im Radio hört, auf Platten oder CDs, über Streamingdienste. Für die Künstler freilich ist die Coronavirus-Pandemie ebenso eine finanzielle Katastrophe. Auch die Tourneepläne des Cuarteto Quiroga zerfallen, am 17. März etwa hätten sie in der internationalen Kammermusikreihe  im schweizerischen Pully bei Lausanne gastieren sollen.

Wie geht es weiter mit der Kammermusik?


Das Saisonfinale der Reihe „klassisch!“-im Stadthaus ist für den 29. April geplant. Das Lutoslawski Quartett steht auf dem Programm. Doch niemand kann sagen, wie sich die Coronavirus-Pandemie entwickelt. Werden in Ulm Konzerte möglich sein, werden die polnischen Musiker überhaupt reisen können? Die „klassisch!“-Abonnenten erhalten frühzeitig Informationen.